Freitag, 2. März 2018

Ausstellen


Vom Ausstellen des Ausstellens...

Drinnen oder draußen? Wo stellt man aus? Und wie? Und was? Und warum? Mit der Kunst des Ausstellens befasst sich ab heute bis zum 17. Juni 2018 die neue Ausstellung der staatlichen Kunsthalle in Baden-Baden. 500 Jahre lassen die Verantwortlichen Revue passieren und gehen gleichzeitig auch ganz neue Wege. Wo sind die Grenzen? Gibt es überhaupt Grenzen? Wie hat sich das Ausstellen im Laufe der Jahrhunderte gewandelt? Wie hat es sich im Laufe der letzten  Jahrzehnte gewandelt? All dem kann man nun nachspüren, in den Sälen der Kunsthalle, die - wie immer – viele Überraschungen bereithalten, aber auch draußen in der Natur und anderswo in der Stadt. Künstlerische Streubomben habe man ausgelegt, sagte der Leiter der Kunsthalle, Johan Holten, gestern bei der Pressekonferenz, und in der Tat, die Überraschungseier liegen überall:

In der Lichtentaler Allee im weißen Kubus von Fabian Knecht (mehr dazu hier => KLICK)




und - etwas über Griffhöhe (damit Ordnungsfanatiker sie nicht abreißen können) - an den Bäumen...



... etwas versteckt im Gebüsch als fremdländische Vogelstimmen, in Geschäften der Innenstadt (wie witzig: eine fantasievolle Bauarbeiteruniform an der Dauerbaustelle Leopoldsplatz)...



... in einer Buchhandlung (mehr dazu hier => Klick) ...




... und in der berühmten Confiserie Rumpelmayer in Form einer kunstvollen Torte, (die übrigens bald in kleiner Form Nachahmung finden und gekauft und verspeist werden kann).




Hauptspielort ist allerdings und natürlich die Kunsthalle selbst, in der Vitrinen gesammelt... 



... und alte Ausstellungsansichten aufgehängt wurden...


 

... man sich - in Zeitlupe - von einer Sitzbank fahren lassen kann...




... aber auch profane Putzeimer (der Lappen war noch nass) das Alltagsgeschehen hinter einer Ausstellung ausstellen...




Auch kann man als Besucher eine der leeren Vitrinen erobern und so für eine gewisse Zeit selber Teil der Ausstellung werden...



Wie immer also: eine Ausstellung voller Überraschungen, liebevoll und intelligent zusammengetragen und zur Schau gestellt. Da weiß man nicht, was wem die Schau "stiehlt"...




Heute um 19 Uhr findet die offizielle Einführung mit Johan Holten statt, ab 21 Uhr wird dies durch ein Konzert in der Konzertmuschel vor dem Kurhaus ergänzt, wo John Bock etwas mit dem skurrilen Titel „Eidotter-Hypoxie-Theorem“ zum Besten geben wird. Wünschen wir dem Künstler gutes Wetter und der Ausstellung bis zum 17. Juni ein aufgeschlossenes, gut gelauntes Publikum. Eine Audiotour ist vermutlich dringend empfohlen, der große Katalog kostet 35 Euro, und das Rahmenprogramm verspricht diverse Kunstvergnügen durch die Monate hindurch, vom Power Lunch mit Führung, über Konzerte und Performances, Yoga im Museum, Abendführungen mit Taschenlampe, Speeddating mit der Kunst, Schnitzeljagd für Kinder und, und, und. Das Programm im Einzelnen ist auf der Webseite der Kunsthalle nachzulesen. => KLICK

Geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10 – 18 Uhr (auch der weiße Kubus in der Allee), Eintritt 7 Euro, freitags frei.

Für die Positionen der künstlerischen "Streubomben" im Stadtgebiet kann man einen faltbaren Stadtplan mitnehmen.



Donnerstag, 1. März 2018

Buchhandling


Bauch an Bauch statt Rücken an Rücken
Eine Buchhandlung steht kopf


Wer in diesen Tagen die Buchhandlung Straß in der Baden-Badener Fußgängerzone betritt, wird sich verwundert die Augen reiben. Keine bunten Bücher mehr, im Gegenteil: Weiß. Alles weiß. Die Bücher stehen nicht, wie üblich, mit den lesbaren Rücken zum Kunden, sondern zeigen ihm die kalten, weißen Bäuche.



Verwirrt blinzelt man, wendet sich ratlos dem Buchhändler zu, der nur lacht und einem begeistert und augenzwinkernd einen Zettel in die Hand drückt. Josua Straß ist ab sofort bis Mitte Juni Teil der großen Sonderausstellung der staatlichen Kunsthalle. Nach dem Motto „Ausstellen des Ausstellens“ mutiert sein Geschäft von der Buchhandlung zum Buchhandling, wird sein Laden also selbst zu einem Kunstwerk.



 
Die Künstlerin Claudia de la Torre steckt hinter dieser Installation. Ihre Idee: „Ein Buchladen ist ein Ort der ständigen Veränderung und mit eigenen Regeln. Bücher werden in einer bestimmten Reihenfolge einsortiert, die Buchcover werden in der Regel sichtbar oder parallel zueinander angeordnet, so dass die auf dem Buchrücken gedruckten Titel gelesen und somit leicht gefunden werden können“, heißt es in der Beschreibung des Kunstprojekts. „Aber diese geordnete Reihenfolge ist nur eine zeitliche. Jeden Tag werden neue Buchtitel geliefert und verkauft. Immer wieder müssen die Bücher daher auf dem begrenzten Raum von Bücherregalen und Tischen umgestaltet werden. 



Buchhandling“ greift in diese Struktur ein und dreht den Spieß um. Wenn man nur mehr die weißen Rückseiten sieht, verschiebt sich die Beziehung von Besuchern und Buchhändlern zu Büchern, wird der ganze Buchladen zu einer Skulptur. 
 
Damit ist es aber nicht getan. Es soll auch gezeigt werden, dass eine Buchhandlung wie ein organisches Wesen ist, und so wird sich das Aussehen des Laden Tag für Tag wieder zurück verändern: Jedes Mal wird ein Buch wieder in die gewohnte Position gedreht, wenn etwas mit dem Buch geschieht, zum Beispiel wenn
- ein Besucher nach einem bestimmten Buch fragt,
- es ein neues Buch ist, das in den Laden kommt,
- oder ein Buch gekauft wird.

Da kommt dann auch viel Arbeit auf Josua Straß, den rührigen Buchhändler und sein Team zu, denn: Jedes Buch, das diesen Regeln folgt, wird aufgeschrieben. Am Ende der Ausstellung, also am 17. Juni, wird diese Liste an Claudia de la Torre übergeben und die Künstlerin wird die Liste als Buch veröffentlichen, das dann wiederum in der Buchhandlung gekauft werden kann.




Und wie sieht Josua Straß das?

"Eine Buchhandlung ist doch auch ein Kulturraum; selbstverständlich habe ich gerne bei dem Projekt mitgemacht und mein Team ist genauso begeistert", sagte er heute Mittag, als die Presse seinen kleinen Laden stürmte. Natürlich rechne er in den kommenden Monaten auch mit einem gewissen Einnahmenverlust, vor allem bei Kunden, die gerne stöbern und sich vom Cover eines Buches inspirieren lassen. Aber er könne in seinem Geschäft gar nicht alles auf Profit auslegen, manche Bücher ließen sich zum Beispiel auch nur schwer an den Mann bringen, man müsse sie aber im Bestand haben. Das sehe er als seine kulturelle Aufgabe an. Andererseits hofft er natürlich, dass sich auch neue Kunden zu ihm verirren werden, weil sie auf die Aktion neugierig geworden sind. Zum anderen stehe eine spannende Zeit bevor, wenn sich - wie in einem Kreislauf - ganz allmählich wieder Buchrücken für Buchrücken zeigen werde. Was wird das wohl bei den Kunden auslösen? Man merkt dem engagierten Buchhändler an, wie sehr er sich schon jetzt auf einen unegwöhnlichen Dialog mit seiner Kundschaft freut.

Die Sonderausstellung der staatlichen Kunsthalle, die morgen offiziell um 19 Uhr (Eintritt frei) eröffnet wird, erstreckt sich über das ganze Stadtgebiet und reicht von der Baumskulptur im weißen Kubus mitten in der Lichtentaler Allee über Schlösser an einer Oosbrücke bis hin zu kunstvollen Torten zum Reinbeißen. In der staatlichen Kunsthalle gibt es natürlich die Ausstellung zur Ausstellung des Ausstellens, und man kann hier auch selber Teil der Ausstellung werden. Mehr dazu morgen.

Hier geht zu einem ausführlichen Bericht über diesen bemerkenswerten, preisgekrönten Buchhändler => KLICK


 

Mittwoch, 14. Februar 2018

White Box


Ein Baumstamm im Kubus 
und essbare Skulpturen

Es gibt ja das Sprichwort „Wer weiß, wozu das Schlechte gut ist“. Das trifft dieser Tage ganz besonders auf den altehrwürdigen Mammutbaum in der Lichtentaler Allee gegenüber des Burda-Museums zu, der beim großen Sturm im Dezember seine Standfestigkeit verlor und im stolzen Alter von 140 Jahren gekappt werden musste. 



Traurig und irgendwie auch trotzig ragte seitdem sein quer halbierter Stamm in die Höhe, und manch ein Spaziergänger fragte sich, seit wann denn das sonst so emsige Gartenamt halbe Sachen macht. Gestern ließ der Direktor der staatlichen Kunsthalle, Johan Holten, die Katze aus dem Sack: Der abgesägte Stamm wurde noch gebraucht. Für ein Kunstprojekt der anderen Art. Der Künstler Fabian Knecht aus Berlin hat ihn sich für ein zeitlich begrenztes Werk auserkoren. 




Seit vorgestern wird rund um den mächtige Baumstumpf nun gezimmert und gesägt, und in ein paar Tagen wird von dem Stamm nur noch der obere Teil zu sehen sein. Der Rest wird in einer begehbaren „temporären Ausstellungshalle“ verschwinden, einer White Box, die dieses markante Stück Natur quasi umrahmen, ja umarmen wird.

Die Ausmaßes des Kubus' werden gewaltig sein: zwölf mal vier mal vier Meter. Außen Natur, innen weiß, und zwar so weiß in grelles Neonlicht getaucht, dass selbst die tief verschorfte Rinde keinen Schatten mehr werfen soll.

Das Kunstwerk wird für die neue Landesausstellung der staatlichen Kunsthalle aufgebaut, die unter dem Motto „Ausstellen des Ausstellens“ vom 3. März bis zum 17. Juni zu sehen sein wird. 

Und wie die Baden-Badener es schon von früheren Landesschauen gewohnt sind, wird sich die Sonderausstellung nicht auf das Haus der Kunsthalle allein erstrecken, sondern sich in der Umgebung ausbreiten: Im Freien, wo in 100 Bäumen Zeichnungen wehen werden, im Burda- LA8- und Stadtmuseum, in denen man „künstlerische Streubomben" platzieren wird, neben der Kunsthalle, wo es künstliches Vogelgezwitscher zu hören gibt – und eben im weißen Kubus in der Allee, der jeden Tag zwischen 10 und 18 begehbar sein wird. 



„Es geht uns darum, die Leute mit Kunst zu konfrontieren, nicht um Eintrittskarten zu verkaufen“, erläuterte Johan Holten gestern, als er der örtlichen Presse die Aktion vorstellte. Aber natürlich hofft man darauf, dass der eine oder andere Spaziergänger, auf diese Weise neugierig gemacht, dann doch den Weg in die gar nicht so heiligen Hallen finden wird. In diesem Sinne liest sich der Veranstaltungskalender für die Landesausstellung sehr spannend; es sind unterschiedlichste Aktionen geplant. Das beginnt mit einer Performance in (!) der Oos und einem ungewöhnlichen Konzert in der Muschel am Kurhaus, geht über Speed-Dating mit der Kunst und Yoga im Museum bis hin zum Power-Lunch mit Kunst (20 Minuten Führung plus Mittagessen), Schnitzeljagd für Kinder und Abendführung mit der Taschenlampe. 

Und im Stadtgebiet wird es umgedrehte Bücher vor der Buchhandlung Straß, Fotografien im alten Dampfbad, gravierte Vorhängeschlösser an einer Oosbrücke und essbare Skulpturen aus Marzipan zu bestaunen geben. Mit anderen Worten: Ab 3. März heißt es: Augen auf in Baden-Baden! 

Der kunstvolle Mammutbaum in der Box hat übrigens am Ende der dreimonatigen Schau noch lange nicht als "temporäres Kunstwerk" ausgedient. Ist die White-Box am Ende wieder abgebaut, wandert das Holz weiter in kundige Künstlerhand: Karl-Manfred Rennertz wird aus dem Stamm dann etwas Bleibendes schaffen. 



 

Freitag, 19. Januar 2018

Ana Naves


Nudeln, Haare, Cappuccino
= Kunst, Alltag und Design

Hereinspaziert! Staunen Sie! Erinnern Sie sich! Lachen Sie! Stutzen Sie! Wundern Sie sich! Auch über den Namen der Ausstellung: „Sich die Haare nach dem Mond schneiden“... Das Motto ist ja schon kennzeichnend für die ganze Schau. 
 
Selten war der kleine 45-Kubikmeter-Experimentierraum der Kunsthalle so bunt und voll wie derzeit. Auf Einladung von Kuratorin Luisa Heese hat die Künstlerin Ana Naves viele ihrer Werke mitgebracht und in dem kleinen Raum im Erdgeschoss der staatlichen Kunsthalle zu einer räumlichen Collage neu arrangiert. 

Dinge, die man aus dem Alltag (Crema-Verzierungen auf dem Cappuccino) oder aus der Vergangenheit (Lavalampe) kennt, findet man hier ebenso, wie eine überdimensionale Nudel, einen berühmten Designerstuhl oder ein kleines, aber feines Arrangement, in dem man erst bei genauem und nahen Betrachten sieht, dass es Reiskörner sind, auf die Namen geschrieben sind. 



Und schon ist man mitten drin in der Kunst, im Alltag, im Design und in der Verbindung dieser drei Welten, wie Ana Naves sie sieht. Das Kunstwerk am Boden darf man betreten, es ist erst hier in Baden-Baden entstanden und zeigt einen Alltagsgegenstand, der aber so entfremdet ist, dass man ihn nur errät, wenn man weiß, was er darstellen soll. 



Sehen Sie also genau hin, wenn Sie das nächste Mal in die Kunsthalle gehen. Vielleicht heute schon? Denn heute um 19 Uhr wird die Ausstellung feierlich und wie immer bei freiem Eintritt eröffnet. Zu sehen ist sie bis 4. März. Besuchen Sie den Studioraum! Es lohnt sich. Freitags ist auch der Eintritt in die große Ausstellung des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh in der Kunsthalle „If found please return to Lagos“ => KLICK frei.




Die Werke von Ana Navas (*1984 in Quito, Ecuador) spielen mit dem Zeitgeist. Als Meisterschülerin bei Franz Ackermann schloss Ana Navas ihr Studium der Bildenden Kunst 2011 an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe ab. Navas erhielt mehrere Preise und Stipendien, unter anderem 2015 am CEAAC (Centre Européen d’Actions Artistiques Contemporaines) Strassburg, sowie Studienaufenthalte an der Cité Internationale des Arts in Paris und 2018 an der Escuela FLORA ars+natura in Bogotá, Kolumbien. Sie war zwei Jahre Teil des niederländischen „De Ateliers“-Programm und lebt in Amsterdam.




Samstag, 9. Dezember 2017

America!


Kommen - sehen - nachdenken:
Amerika zwischen fake news und Realität

Kann eine Ausstellung, die im Trumpschen „fake-news“-Jahr 2017 mit dem Titel „America – America“ gezeigt wird, unpolitisch sein? Haben sich nicht gerade amerikanische Künstler über viele Jahrzehnte hinweg (z. B. während des Vietnam-Kriegs) sehr bewusst und gekonnt mit Politik auseinandergesetzt? Was ist der „elektrische Stuhl“ von Andy Warhol aus dem Jahr 1967 anderes als ein politisches Statement?



Spannende Fragen, die sich der Besucher der neuen Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden ab heute selber stellen und beantworten kann.



70 Meisterwerke der US-Gegenwartskunst von den 1960er Jahren bis heute spiegeln bis Mitte nächsten Jahres die amerikanische Realität. „How real is real“ lautet der Untertitel dieser Schau, und spätestens jetzt wird deutlich, dass gezeigt werden soll, wie sich der amerikanische Umgang mit Wirklichkeit und Wahrheit in den letzten Jahren ausgedrückt (oder auch gewandelt?) hat.












Unter diesem Aspekt ist der Besuch der Ausstellung eine Herausforderung, intensiv über die Rolle der Kunst nachzudenken. „Think“! Lautet denn auch unübersehbar die Aufforderung auf William N. Copleys „Imaginary Flag for U.S.A.“, die eine weithin sichtbare Einladung zu einem Besuch im Burda-Museum ist.



 
Damit sich möglichst viele Menschen mit diesen Aussagen auseinandersetzen, geht das Museum auch ganz neue Wege: Nächsten Samstag, am 16. Dezember, gibt es erstmals einen Tag der offenen Tür bei freiem Eintritt, mit einem Programm für die ganze Familie, auch mit typisch amerikanischem Essen und der amerikanischen Antwort auf Glühwein (nämlich: Egg Nog) sowie mit Straßenmusikern. Lassen Sie sich überraschen, treten Sie ein und - denken Sie! Think!




Die Liste der ausgestellten Künstler (70 Prozent der Bilder stammen aus der Sammlung Frieder Burda) liest sich wie ein "Who is Who" der amerikanischen Gegenwartskunst:







Im Mittelgeschoss gibt es eine Sonderausstellung mit Collagen von Ray  Johnson




Die Ausstellung ist bis zum 21. Mai 2018 zu sehen. An allen Feiertagen geöffnet, nur am 24. und 31. Dezember geschlossen.


Das Museum: 

Webseite: KLICK
Öffnungszeiten:  Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr
Eintritt 13 Euro 
Der umfangreiche Katalog kostet 38 Euro.

Umfangreiches Begleitprogramm mit Filmvorführungen, Schreibwerkstatt, klassischen Konzerten und Pop-Art-Pop und vieles mehr (download des Flyers ganz unten auf der Museums-Seite möglich) => KLICK


 

Donnerstag, 9. November 2017

Ogboh - 2


Emeka Ogbohs Sicht auf deutsche Dinge
Schwarzbier zum "Song of the Germans"

Die staatliche Kunsthalle Baden-Baden ist ja immer für eine Überraschung gut, und so können Sie auch diesmal wieder gespannt sein! 



Morgen um 19 Uhr wird die neue Ausstellung des international tätigen Künstlers Emeka Ogboh aus Nigeria "If found please return to Lagos" eröffnet, und diese Ausstellung wird wirklich alle Sinne ansprechen: 

Es gibt etwas zu hören...

Den Auftakt der großen Baden-Badener Schau bildet jene Arbeit, die Emeka Ogboh erstmals 2015 in Venedig präsentierte: Im großen Oberlichtsaal ertönt aus zehn Lautsprechern „The Song of the Germans“, das Deutschlandlied. Die Zeilen werden nicht wie gewohnt in deutscher Sprache, sondern in Douala, Igbo, Ewondo und weiteren afrikanischen Sprachen gesungen, den jeweiligen Muttersprachen der Sänger und Sängerinnen des Berliner Chors „Bona Deus“.




Es gibt etwas zu bestaunen 

(z. B. Dirndl aus mit typisch afrikanischen Mustern bedruckten Stoffen)...



Es gibt etwas zu essen... 

ja, zu essen! Nicht nur theoretisch wie in diesem Raum hier, in dem symbolisch die Speisen der attraktivsten Einwanderungsländer thematisiert werden...


oder als ungewöhnlich bunter "Eintopf"...



sondern auch ganz real während der Eröffnung! Es wird diverse authentische Kostproben aus den afrikanischen Küchen geben.

Es gibt etwas zum Erinnern...

Auch gegen das Vergessen wird angetrunken... Hier ein nachgestelltes Foto, das daran erinnert, dass bereits zur Wende zum 20. Jahrhundert eine schwarze Musikertruppe in deutschen Kostümen Schuhplattler  aufführte und damit einen Riesenerfolg hatte. An diese "schwarze Geschichte Europas", wie Kunsthallenchef Johan Holten dies beim Presserundgang vor der offziellen Ausstellungseröffnung bezeichnete, wolle der nigerianische Künstler ganz besonders erinnern, und deshalb wurde dieses Foto mit vielen, die in Baden-Baden geboren wurden oder schon länger hier leben, im Weinkeller der ältesten Gastwirtschaft Baden-Badens, dem Baldreit, nachgestellt. 



Überhaupt setzt sich Emeka Ogboh in seinen Werken intensiv mit dem Thema Immigration auseinander: In welcher Position finden sich afrikanische Auswanderer im gegenwärtigen Deutschland und in Europa wieder? Um diese zentrale Frage kreist auch die Baden-Badener Ausstellung, wie es in der offiziellen Pressemitteilung heißt.

Ogboh greift dabei nicht nur auf eigene Erfahrungen – gesammelt zwischen Städten wie Lagos und Berlin – zurück, sondern bezieht auch Anwohner und Anwohnerinnen aus der Kurstadt mit in seine Werke ein. Gemeinsam mit ihnen hat der Künstler in den vergangenen Wochen eine eigene visuelle Marke entwickelt. So entsteht das Bild einer kosmopolitischen Gesellschaft, die selbstbewusst mit Wurzeln, Einflüssen und Zwischenräumen umgeht. 

Und dies zeigt sich nicht nur in farbenprächtigen Bildern... 







... sondern auch in einem im Baden-Badener Casino gedrehten Werbefilm...








... für ein eigens für Baden-Baden mit echt Baden-Badener Quellwasser gebrautes Schwarzbier "Sufferhead Original", in dem Ogboh den Geschmack und die Gewürze Afrikas, die die Einwanderer in der neuen Heimat am meisten vermissen, zusammen mit einem lokalen Bierbrauer eingefangen hat. 

Und es gibt etwas zu trinken

Hierzu befragte der Künstler Männer und Frauen mit afrikanischem Hintergrund nach ihren spezifischen Geschmackserlebnissen. Wie schmeckt Baden-Baden und welche Geschmäcker fehlen? Aus diesen geschmacklichen Erfahrungen entwickelt Ogboh sein Rezept für das dunkle Bier und stößt damit eine kritische Befragung von Begriffen wie Identität und Nationalität an.





Die Baden-Badener Version von „Sufferhead Original“ wird begleitet von einem mehrminütigen Werbespot, den Emeka Ogboh in den prächtigen Sälen des Casinos gedreht hat. Seine Darsteller sind Menschen mit afrikanischem Hintergrund und Wohnsitz in der Kurstadt und Umgebung. Sie verkörpern in dem Spot eine elegante Abendgesellschaft, in der sich - wie in dem zusammengemixten Bier - eine Art gesellschaftliche Mischform widerspiegelt. Denn die Realität ist nun mal, dass alle Teilnehmer in einer Gesellschaft leben, in der das Weiß-Sein immer noch als Norm gilt.



Dem Bier wird ein extra Raum der Kunsthalle gewidmet...

 



Auch in einem gelben Raum, (den der Künstler besonder liebt, wie er einem Pressevertreter am Rande der Führung verriet), dreht sich alles um die Verschmelzung von Nord und Süd, von Berlin bis Lagos... Wie der Künstler dies umgesetzt hat? Nun...




 ... sehen Sie selbst!

Kuratorin Luisa Heese jedenfalls kann mit Fug und Recht stolz auf die von ihr organisierte Ausstellung sein! Der staatlichen Kunsthalle ist es mal wieder gelungen, die Zuschauer zu überraschen! 




Mit "If Found Please Return to Lagos" zeigt die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden die erste große institutionelle Einzelausstellung des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh. 


 
Der 1977 in Enugu, Nigeria, geborene Ogboh erregt seit seiner DAAD-Einladung 2014 nach Berlin international Aufmerksamkeit. Er war Teilnehmer der Biennale in Venedig (2015), erhielt für sein Werk „Continental Entrée“ den renommierten Kunstpreis der Böttcherstraße in Bremen (2016) und war 2017 mit der documenta 14 in Athen und Kassel sowie Skulptur Projekte Münster auf zwei der wichtigsten Plattformen für zeitgenössische Kunst vertreten. 
Emeka Ogboh ist der diesjährige Brenners Artist in Residence.

 

 

Die Ausstellung ist bis 4. Februar 2018 geöffnet.  

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr, an allen Feiertagen geöffnet, außer am 24. und 31. Dezember.

Eintritt 7 Euro, Freitag freier Eintritt.

Es wird eine Audiotour (auf Deutsch) angeboten.

Außerdem gibt es einen Katalog (25 Euro, oder zusammen mit einer eigens gepressten Vinyl-Schallplatte 75 Euro)

Hier geht es zur Webseite der staatlichen Kunsthalle => KLICK