Freitag, 25. November 2016

Kunsthalle - Müller


Schuhe aus und rein ins Kunst-Vergnügen!


Ja, richtig: Wer die neueste Ausstellung in der staatlichen Kunsthalle ansehen möchte, muss zuerst die Schuhe ausziehen – am besten auch gleich die Strümpfe mit dazu. Nur dann kann man mit allen Sinnen Kunst erleben – oder jedenfalls das, was Michael Müller darunter versteht. 




Wir – die etwas zaghaften Laien – müssen diese Kunst nicht verstehen, sondern sollen einfach nur Spaß daran haben. Wir können durch feinen Quarzsand laufen, durch nassen Lehm waten und über weichen Teppichboden schreiten, wir können "nicht sichtbare Kunst" erleben und blinde Fische bestaunen oder uns in ein beklemmendes dunkles Verließ begeben, dessen verschmutzte Kacheln ab und zu durch eine unregelmäßig flackernde Neonröhre erhellt werden (die übrigens im Morsealphabet Homers Odyssee nacherzählt) – kurz: Uns einfach überwältigen lassen. Denn genau ist das Ziel dieser Ausstellung „SKITS.13 Ausstellungen in 9 Räumen“.

Allein die Installation der Ausstellung in den vergangenen WOCHEN hat vom Team der Kunsthalle, allen voran Kurator Hendrik Bündge, alles abverlangt. Aber es hat sich gelohnt.



Was kann man sehen? Was will uns der Künstler Michael Müller sagen?

Kunsthallen-Chef Johan Holten lächelt verschmitzt. „Das kann man nicht auf einen Satz beschränken oder gar zum Hashtag herunterkürzen“, sagt er den Pressevertretern am Tag vor der offiziellen Ausstellungseröffnung. Diese Ausstellung könne man niemals ganz erfassen.

Was ist Kunst? Das fragt man sich daher auch unweigerlich, wenn man staunend durch die verwandelten, verfremdeten Räume streift. Und während man sich wundert und staunt und fühlt und lächelt – erfährt man ganz nebenbei und unbewusst eben doch die Antwort auf diese Frage...



Der große Saal ist mit Sand bedeckt, man darf und soll hindurchwaten! Ein Baumgerippe ragt heraus, halbnackte junge Menschen streicheln Steine oder harken Sand in Zeitlupe, später werden sie, begleitet von sphärenhafter Musik, den Pressevertretern eine Kostprobe dessen geben, was das Publikum heute Abend zur Eröffnung erwarten wird: Die vierstündige „Dritte Probe für Nietzsches Geburtstagsparty 2313“ ... Klingt verrückt? Ist es auch ein bisschen. Vielleicht. In gewisser Weise. Nach der Kostprobe gestern kann ich nur allen Besuchern von heute Abend raten: Lassen Sie sich darauf ein. Setzen sich an den Rand der Halle, hören Sie und sehen Sie zu. Schütteln Sie alles zunächst Befremdliche ab. Sie werden mit einem intensiven Erlebnis belohnt. Hier Fotos der gestrigen Performance vor der Presse: 







Was kann man sonst noch sehen? Einen Raum voller kryptischer Traktate – Michael Müllers Version von Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, in jahreslanger Kleinarbeit übertragen in eine eigens erfundene Schrift namens K4... (Derzeit existieren 240 000 Einzelzeichen...) 




Ein ausgestopfter Kakadu vor einem Spiegel mit Sprechblase. 




Wände voller Anglerglück-Fotos. 




Eine Ansammlung von Tonplastiken, so viele, wie der Künstler an einem Tag formen konnte. 



Fische - vor einem Bild, das nur sie sehen könnten, wären sie nicht blind.



Ein Originalgemälde von Jan Brueghel, dem Jüngeren. 



Eine Verfremdung Dürers. 




Eine „Passage auf dem Nil“ inklusive nassem Ton, durch den man waten darf (Seife und Handtücher warten am Ende der Installation; wer Glück hat, dem wäscht der Künstler auch eigenhändig die Füße.) 

Gestapelte Plastiksessel. 



Eine Abhandlung über die Farbe Rosa. 




Und, und, und... Wie gesagt, es ist nicht Sinn des Rundgangs, alles zu erfassen. Und erst recht nicht, alles zu verstehen. Aber es wird ein absolut unvergessliches Erlebnis sein.

Und doch, sehr geehrter Herr Holten, gibt es sehr wohl einen Hashtag: #„Wow“! 

 

Heute um 19 Uhr wird die Ausstellung feierlich eröffnet, der Eintritt ist frei. 

Die Ausstellung ist ab morgen bis 19. Februar 2017 zu sehen.
Eintritt 7 Euro, montags geschlossen, freitags ist der Eintritt frei. Öffentliche Führungen jeden Freitag um 15 Uhr. Audioguide in deutscher Sprache steht kostenlos zur Verfügung, Führungen in Fremdsprachen auf Anfrage möglich.

Und hier noch ein paar Links:

1.) Interviews von ZDF-Aspekte:

Mit dem Künstler Michael Müller => KLICK 




Mit dem Kurator Hendrik Bündge => KLICK

Mit Kunsthallenchef Johan Holten => KLICK

2.) Webseite des Künstlers Michael Müller => KLICK

3.) Wikipedia => KLICK

4.) Und natürlich ein Experten-Bericht auf dem Blog Mercurius-Baden-Baden.de => KLICK

















https://www.zdf.de/kultur/aspekte/johan-holten-interview-100.html


Donnerstag, 24. November 2016

Alltagswahn - Schnitzelweckle





Schnitzelweckle - ganz einfach

eine weitere Fortsetzung der beliebten Alltagswahn-Geschichten

von Michael Beck 


Folgender Dialog neulich an der Heißtheke der lokalen Metzgerei:
Kunde, Mitte Vierzig, fein gekleidet (K): „Ich hätte gerne ein Brötchen.“

Verkäuferin, sehr freundlich und gut gelaunt (V): „Gerne. Was soll denn drauf aufs Weckle? Schnitzel, Fleischkäs, Spießbraten oder ein schöner Wacholderschinken?“

K: „Ja.“

V:“Bitte?“

K: „Ja, weiß nicht.“

V: „Spießbraten ist unsere Spezialität, schauen Sie, der ist auch schön gefüllt!“ 

K: „Hmm. Vielleicht. Sieht komisch aus. Da sind Kräuter drin, oder?“
V: Nickt.
Der Fleischer an der Fleischtheke runzelt die Stirn und schickt einen stechenden Blick quer durch den Laden.

K: „Schnitzel. Ich möchte ein Schnitzelbrötchen bitte. Sind die alle paniert?“

V: „Ja, aber wenn sie wollen, brate ich Ihnen schnell eins á la nature aus.“

K: „Was ist das, natür?!?“

Der Fleischer vergisst seine Kundin vor ihm und wetzt gedankenverloren sein Messer. Er starrt.

V: „Unpaniert. Natur eben.“

K: „Naturfleisch ist roh. Sie meinen ohne Panade gebraten.“

V: „Genau, sagte ich ja.“

K: „Hmm. Ich nehme ein Brötchen mit paniertem Schnitzel bitte.“

V: „Sehr gern!“ 
Alle Angestellten und Kunden rufen innerlich Halleluja. 
Da begeht V einen Fehler.

V: „Soll etwas drauf auf´s Schnitzel? Frische Röstzwiebeln, Senf, Ketchup, ein wenig Sauce?“

K: „Schmeckt das?“

V: „Was?“

K: „Zwiebeln mit Senf, Ketchup und Sauce.“

V: „Wer´s mag – das ist Geschmackssache. Muss ja auch nicht alles zusammen drauf, oder?“
K: „Wenn Sie Sauce auf das Schnitzel geben, läuft doch alles herunter. Das ist sehr unangenehm.“
V: „Ich mache das ja nicht mit der Kelle, sondern dem Pinsel. Wegen des Geschmacks.“
K: „Was für Geschmacksrichtungen haben Sie denn?“
V: „Zigeuner…äh Paprikasauce, Jägersauce mit Pilzen oder Bratensauce.“
K: „Pilze? Um Gottes Willen. Ich glaube, ich möchte nichts drauf.“
V: „Glauben oder wissen Sie das?“
K: „Wieso fragen Sie?“
Der Metzger atmet wie ein Maikäfer kurz vor dem Abheben.
V: „Ich sollte es genau wissen. Sie wollen Ihr Schnitzelweckle ohne Zwiebeln, Senf, Ketchup oder Sauce, ja?“
K: Sinniert. Rafft sich auf und sagt entschlossen: „Ja!“

V präpariert das Schnitzelweckle und fragt (alle im Laden verziehen schon das Gesicht): „So bitte, zum Mitnehmen oder hier Essen?“

K grübelt. 
Der Herr hinter ihm fängt an verzweifelt zu lachen.

K ist irritiert, entscheidet sich für´s Mitnehmen, beäugt das Schnitzel und meint: „Das ist aber groß.“

V hat gelernt und schweigt freundlich. Dann sagt sie: „Zwei Euro vierzig bitte!“

K ist noch mehr irritiert und meint „Das ist aber günstig! Das gibt es bei uns nicht für so wenig Geld.“
Der Metzger schaut an die Decke. Die zwischenzeitlich dramatisch angewachsene Kundschaft scharrt nervös mit den Füßen, Mittagspausen sind kurz.
V: „Bei uns isch des normal.“
K: „Bei uns nicht.“

Der Herr hinter ihm platzt förmlich und ruft „Mensch Kerle zahl unn verschwind bevor ich mich vergess! So äh Gschiss weganem Schnitzelwegg – ich glaub, ich schbinn!!!!“
K zuckt nervös mit der Backe legt zwei Euro fünfzig auf den Tresen und flitzt zur Tür hinaus, der Metzger wendet sich erleichtert seiner Kundin zu.


Samstag, 22. Oktober 2016

Burda - Kerze


Symbol der Freude und der Trauer
von der Geburt bis zum Tod

Gerade in der dunkler werdenden Jahreszeit und angesichts der Lebkuchenberge in den Supermärkten kann man Kerzenlicht im Geiste leicht mit „Advent“ verknüpfen. Wer so denkt, wird in der Ausstellung „Die Kerze“ im Museum Frieder Burda eines Besseren belehrt.



Die Kerze sei ein Symbol für die Dauer des Lebens, für erhellende Aufklärung im Zeichen der Vernunft, für einen Hoffnungsschimmer am Horizont, aber auch für ein latentes sexuelles Begehren“, sinnierten schon im Vorfeld die Texter der Presseeinladung. Kurator Helmut Friedel weitete das Thema zur Eröffnung vor zahlreichen Medienvertretern noch aus und sprach von der Kerze als einer Lebenslinie von der Taufe bis zum Tod, von einem Symbol für Festlichkeit auf Adventskränzen und Geburtstagstorten aber auch von einem Symbol der Trauer, bei Mahnwachen und als Ausdruck von Solidarität mit den Opfern nach Terroranschlägen oder Unglücksfällen.

Dieter Krieg - ohne Titel

Frank Bauer - Christians Geburtstag



Gavon Turk - Neon Candle



Jörg Immendorf - Bild mit Geduld


Karin Kneffel - ohne Titel


Oda Jaune - untitled


Die Ausstellung, die vor allem auch den Anspruch widerspiegelt, ein veritables Museum mit Anspruch auf ernsthafte Recherche seiner Werke zu sein, stellt das Herzstück der Sammlung Frieder Burda, Gerhard Richters legendäre „Kerze“ von 1982, in den zentralen Mittelpunkt. Eigentlich, so Helmut Friedel, sehe man hier eine ganz normale Haushaltskerze, die Fläche im Hintergrund aber sei verschwommen und schaffe Neugierde auf einen vollkommen abstrakten Raum, in dem es kein Fenster und keinen Tisch gebe. Die Kerze wachse daher geradezu aus dem Nichts in den Bildraum, sie bleibe dadurch im Abstrakten. Erst die Flamme darüber mache die Kerze dinglich und gegenständlich, so „als gehe einem ein Licht auf“.



Selbst nach einem Jahrhundert elektrischen Lichts ist und bleibt die Kerze als Thema in der Kunst aktuell“, betonte Helmut Friedel und verwies darauf, dass die Ausstellung Werke von weiteren 37 Künstlern zeigt, die sich auf unterschiedlichste Weise mit dem Thema befassen. Der Rahmen reicht von Karin Kneffel, Markus Lüpertz, Georg Baselitz und Jörg Immendorf über Jeff Koons und Thomas Ruff bis hin zu einer spektakulären Kerzen-Video-Installation von Nam June Paik im Untergeschoss, die das Personal des Museum auf Trab halten wird, weil man die Projektoren dem Rhythmus des Herunterbrennens einer echten Kerze alle 15 Minuten anpassen muss.




Kerzen-Szenen aus 20 Filmen runden das Thema ab, wobei Helmut Friedel keinen Zweifel daran ließ, dass dieser Teil der Ausstellung aufgrund der Einholung der verschiedenen Lizenzen einer der zeit- und kräfteraubendsten war.



Die Ausstellung ist bis zum 29. Januar 2017 zu sehen. Ein umfangreiches Begleitprogramm zum Beispiel mit einem Architekturdialog, Musik im Museum und einer Lesung über Flucht und Vertreibung runden das Thema ab. Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag und an allen Feiertagen (außer Heiligabend und Silvester) von 10 bis 18 Uhr, Eintritt 13 Euro.
Webseite der Ausstellung => KLICK

Mittwoch, 24. August 2016

Flüchtlingsgarten


Billy und Malick und der Flüchtlingsgarten


Das ist William Uber, genannt Billy.



Der 58jährige US-Amerikaner wohnt seit 1998 in Baden-Baden, gut und gern, wie man so schön sagt. Doch das wäre noch zu wenig. Sagen wir also lieber: Er lebt hier mit absoluter Leidenschaft. Ein Festspielhaus-Engagement seiner Frau, einer Opernsängerin, verschlug den selbständigen Seminarleiter in unsere Gefilde, und seitdem ist er von Land und Leuten restlos begeistert. Vor allem der Schwarzwald hat es ihm angetan. Und so ist es nur folgerichtig, dass er seit kurzem Ortsvorsitzender im Schwarzwaldverein ist. Was er nicht kann? Gärtnern.

Und hier kommt Malick Jagana in Spiel.


Hier auf Besuch bei Stadtrat Michael Bollinger, wo er vor allem über die vielen Blumen in deutschen Gärten staunte

Der 31jährige Gambier lebt seit diesem Frühjahr in Baden-Baden, auf dem Waldseeplatz. Er ist Bauer durch und durch, hat eine gute Schulausbildung genossen, spricht sechs Sprachen fließend (und die siebte, Deutsch, hoffentlich auch bald, falls er im Herbst über die Warteliste in einen VHS-Kurs rutschen kann). 

Die beiden Männer trafen beim Café Kontakt am Waldseeplatz aufeinander, und das entwickelte sich daraus (Badisches Tagblatt, 24. 8. 2016):





Lesen Sie die ganze Geschichte hinter der Geschichte auf meinem Blog




Hier finden Sie auch viele weitere Geschichten über Flüchtlinge in Baden-Baden und ihre ehrenamtlichen Helfer.


Auf meinem Blog Forum-Baden-Baden.de berichte ich derzeit nur noch sporadisch, hauptsächlich über das Thema Kunst in Baden-Baden. 


Wenn Sie sich für Kommunalpolitik in Baden-Baden interessieren, empfehle ich Ihnen den neuen Blog des ehemaligen Leiters der Lokalredaktion des Badischen Tagblatts, Patrick Fritsch:

 mercurius.de



Auf Wiedersehen bei der Flüchtlingshilfe











Mittwoch, 20. Juli 2016

Sprachkurse Grenkestiftung



Spende für zusätzliche Sprachkurse

Dank einer großzügigen Spende der Grenke-Stiftung kann die Volkshochschule Baden-Baden 37 Flüchtlingen aus Kamerun, Togo, Nigeria und Gambia zwei zusätzliche Sprachkurse anbieten, die mit einem A-2 Niveau enden - das bedeutet, dass die Flüchtlinge bis Ende des Jahres die wichtigsten Alltagssituationen gut alleine meistern können. Gestern wurde das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt. Ohne die Spende in Höhe von 40 000 Euro hätten die Flüchtlinge keine Chance auf einen Deutschkurs gehabt, weil der Bund nur Sprachunterricht für anerkannte Asylbewerber mit mindestens zweijähriger Aufenthaltserlaubnis oder für Flüchtlinge mit guter Bleibeperspektive (Syrien, Iran, Irak und Eritrea) fördert. Entsprechend dankbar waren sowohl die Flüchlinge als auch die Verteter der Stadtverwaltung, allen voran Oberbürgermeisterin Margret Mergen der großzügigen Spenderin Anneliese Grenke. Diese konnte zusammen OB Mergen, Bürgermeister Michael Geggus und VHS-Leiterin Monika Burck auch gleich am eigenen Leibe erfahren, wie es ist, eine kompett fremde Sprache zu lernen: Sprachkoordinatorin Agata Schnepf (links) brachte den unvorbereiteten Ehrengästen ein paar polnische Sätze bei. Da kam so mancher ins Schwitzen.




Den ganzen Bericht und weitere Informationen und Geschichten über das Thema Asyl in Baden-Baden finden Sie auf meinem extra Blog,


=> KLICK
 
Bitte speichern Sie die neue Seite. Ich betreibe die Blogs in Eigenregie ehrenamtlich und habe mich dafür entschieden, im Moment meine ganze Kraft der Integration der Flüchtlinge zu widmen. Das Forum Baden-Baden wird aus diesem Grund nur noch sporadisch mit Geschichten bestückt.

Danke für Ihr Verständnis und vielleicht auf Wiedersehen bei der Flüchtligshilfe! Es würde mich freuen! 





Sonntag, 10. Juli 2016

Oberton-Klangtherapie


Menschen in Baden-Baden, heute: 

Harald Nehmert

Es ist eine andere, eine ganz besondere Welt, in die man eintaucht, wenn man den kleinen Laden mit den grünen Fensterläden in der Stephanienstraße betritt. Gitarren hängen an den Wänden, Trommeln stehen herum, Teppichen liegen auf dem Boden und Sitzkissen, und es gibt auch exotische Instrumente, die so einmalig sind wie der Mann, der sie baut, spielt und verkauft: Harald Nehmert.


Freundlich und zurückhaltend steht der 57jährige in dem kleinen Raum, die Ruhe selbst. Draußen braust der Strom der Autos vorbei, drinnen kommt man unweigerlich runter, passt man sich unwillkürlich einem ganz anderen Rhythmus an, dem Rhythmus der Ruhe, der Bescheidenheit, des Wohlfühlens, der Achtsamkeit.

Hier das Bild einer indischen Gottheit, dort ein indisches Musikinstrument – schnell wird klar, wo Harald Nehmert seine Ruhe gefunden hat: in Indien, vor vielen, vielen Jahren. 1982 hatte der gebürtige Rastatter gerade seine Schreinerlehre in Balg beendet, als er alles stehen und liegen ließ, den Rucksack schnürte und loszog. 


 

Was war passiert? Gab es einen Auslöser?

Nehmert hält kurz inne, dann lächelt er versonnen und versucht eine vage Erklärung, die mit wenigen Worten ausdrückt, was ihn zu diesem radikalen Schritt bewegt hatte: „Ich hatte einen strengen Vater, einen strengen Lehrer und einen sehr strengen Pfarrer. Ich war daher auf der Suche nach einem neuen Weltbild, nach einer neuen Spiritualität.“

Indien also war sein Ziel, wie bei vielen jungen Leuten Anfang zur damaligen Zeit. Also ein Freak im Ashram? Ein asketischer Aussteiger aus der Suche nach Esoterik? Ein ausgeflippter Hippie, der seinem Yogi folgt? Beileibe nicht! Nach Vater, Lehrer und Pfarrer brauchte er wahrlich keine neue männliche Führungsperson mehr. Er ließ ganz einfach Land und Leute auf sich wirken. „Ich zog ein Jahr mit dem Rucksack durchs Land, lernte es lieben, fand unter den Einheimischen wahre Freunde, lebte und arbeitete mit ihnen, half ihnen und machte mit ihnen zusammen Musik.“

Hierzu ein Video => KLICK




Es muss eine ganz besondere, tiefe Erfahrung gewesen sein, die ihn seitdem nicht mehr loslässt. „Mein Weltbild wurde auf den Kopf gestellt.“ Mit der Karma-Lehre habe er einen neunen Lebenssinn gefunden. Und er habe sich auf der Stelle in die Landschaft und die Menschen verliebt, sagt er. 


 

Was ist so unterschiedlich zum Leben in der westlichen Welt? 

Die zwischenmenschlichen Beziehungen zum Beispiel. Sie hätten in Südostasien einen anderen Stellenwert als in Deutschland. „Hier bei uns bin ich Einzelkämpfer, dort zählen familiäre und freundschaftliche Bindungen und Nähe.“ So zieht es ihn alljährlich nach Indien zurück, wo er mit vielen kleinen Hilfsprojekten arme Menschen, Leprakranke und Straßenkinder unterstützt. „Ich schicke ihnen privat Geld“, umreißt er die Hilfe, die er gibt. „Ich selber brauche ja nicht viel. Aber dort sind sie bedürftig, obwohl sie alle arbeiten.“

Auch in Deutschland, in Baden-Baden, zeigt Harald Nehmert sein großes soziales Herz: Seit zwanzig Jahren leitet er nun schon Bluna-Band (abgeleitet vom Werbeslogan aus den 70ern – „sind wir nicht alle ein wenig Bluna?“) der Lebenshilfe in Steinbach, in der er gemeinsam mit geistig und körperlich Behinderten auf einfachen Instrumenten, zumeist Trommeln, Musik macht. Auftritte im Kurhaus und zusammen mit dem Musikverein Sinzheim gehören zu den Höhepunkten der Band, es wurde sogar eigens ein symphonisches Werk für sie geschrieben und aufgeführt. 

Hier ein Video von Baden-Baden-TV dazu => KLICK




„Das ist mit die schönste Arbeit für mich“, sagt Nehmert, und man spürt deutlich, wie erfüllend und wichtig dieses ehrenamtliche Engagement für ihn ist. Seine Bandmitglieder sind ihm im Laufe der vielen Jahre sehr ans Herz gewachsen, und er freut sich zu sehen, wie sie sich durch die Musik bestätigt fühlen, wie sie Ruhe finden und an Selbstvertrauen gewinnen.

Hier ein Bericht der Badischen Neuesten Nachrichten dazu => KLICK

Musik bestimmte Harald Nehmerts Leben von kleinauf. Schon mit fünf Jahren lernte er Klavier, mit 13 Jahren brachte er sich selbst Gitarrespielen bei, dann kam in den 90er Jahren noch Percussion dazu, inspiriert durch die Bekanntschaft mit vielen afrikanischstämmigen Migranten. Die Musik nahm immer breiteren Raum in seinem Leben ein, und folgerichtig gab er 1993 sein Möbelrestaurations- und Antiquitätengeschäft auf, das er, nach seinem Indienjahr zurückgekehrt, zehn Jahre lang in Rastatt betrieben hatte. Es erschien ihm irgendwann einfach nicht mehr kreativ genug, vorhandene Möbel zu reparieren und zu verkaufen.




Und so begann er, in seiner Werkstatt in Hügelsheim auf eigene Faust Instrumente zu bauen. Obertoninstrumente sind dies, auf diesem Gebiet ist er international anerkannter Spezialist. Seine Kunden kommen aus der ganzen Welt, die meisten aus den USA und der Schweiz, wo das „healing“ besonders verbreitet ist. Das Geschäft läuft gut, auch ohne Marketing und Webseite, einfach nur durch Mund-zu-Mund-Propaganda.



Seit gut einem Jahr hat Nehmert nun einen kleinen Verkaufsladen in der Stephanienstraße, den er jeden Freitag und Samstag ab 14 Uhr öffnet. Denn „die Leute wollen die Instrumente sehen, hören, ausprobieren.“ Viele Therapeuten wenden sich an ihn, die den Klang nutzen, um Körper und Geist ihrer Patienten zu öffnen. Neuland sei das, gibt er zu, aber eines, das ihn fasziniert. Seit vielen Jahren hat auch er bereits viele und gute Erfahrungen auf dem Gebiet der Klangtherapie gesammelt.

Oberton-Klangtherapie – was ist das?

Flaggschiff unter den vielen exotischen Instrumenten, die er baut, ist der Klangtisch, auf dem auf der Unterseite der Tischfläche 80 Saiten auf einen Ton gespannt sind und miteinander harmonieren. Liegt ein Patient auf diesem Klangtisch, badet er quasi in Obertönen. Er hört den Klang, er spürt die Schwingungen. „Das macht Freude. Es harmoniert Körper und Seele. Angenehme Bilder kommen hoch, Traumbilder, aus denen die Seele spricht.“ Selbst die größten Zweifler könnten dies erleben, davon ist Nehmert aus Erfahrung überzeugt. Niemand könne sich der angenehmen Wirkung der Klangtöne nicht entziehen. 

Hier ein Video dazu => KLICK



Die Wachträume entstünden durch das harmonisierende Zusammenspiel von Vibration und Obertönen, eine Wirkung, wie man sie sonst vielleicht nur nach lang eingeübter Mediation erreiche könne. Bei der Klangtherapie allerdings trete die Wirkung sofort und ganz von alleine ein, man müssen nichts weiter tun als zu liegen und zu hören und zu spüren. Wenn gewünscht, steht Harald Nehmert anschließend auch zur Verfügung, um diese Traum-Bilder zu deuten. Jahrzehntelange Erfahrung befähigt ihn dazu. Das Heilen helfe dann auch ihm selbst, denn: „Je mehr ich verschenke, umso mehr bekomme ich zurück.“

Auch deshalb nimmt er keine festen Sätze für seine Klangtherapie. Jeder gebe einfach das, was ihm diese Erfahrung wert sei. Und wenn jemand gar kein Geld hat, findet er auch eine Lösung. Reich werden will er nicht. „Ich bin ein genügsamer Mensch“, gesteht er, und man glaubt es ihm sofort.




Dass er in der Stephanienstraße in Baden-Baden gelandet ist, ist eher Zufall: Ein Musikerfreund hatte ihn auf den leerstehenden Laden aufmerksam gemacht. Und seit er hier residiert, öffnet er sich auch einem ganz neuen Publikum, denn sein Geschäft liegt auf dem täglichen Einkaufsweg der Bewohner des alten Vincentiushauses, das seit Anfang 2015 als Flüchtlingsunterkunft dient.





Und schon hat er eine neue Idee entwickelt: Einmal in der Woche möchte er ab sofort Flüchtlingen Gitarrenunterricht geben, und ihnen, weil sie ja auch in der Zwischenzeit üben müssen, die Gitarren sogar schenken – mit dem Wunsch, dass sie sie zurückbringen, wenn das Interesse erlahmt. Es werden keine hochwertigen Instrumente sein, aber sie werden, so hofft er, ihren Zweck erfüllen. Denn gewiss gebe es einige unter seinen neuen Schülern, denen es genauso geht wie ihm: „Ohne Musik könnte ich nicht leben.“


 

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Sonntag, 3. Juli 2016

Aisha A.

Happy End in Baden-Baden

Aisha steht im Eingangsbereich der Flüchtlingsunterkunft und spielt mit ihrem Smartphone. Das Display ist zerbrochen, aber alles andere funktioniert. Gottseidank. Es gab auch andere Zeiten, in denen der Akku über Tage hinweg leer war und ihre Familie schier verrückt wurde aus Sorge um sie. Damals auf der Flucht, die sie ganz alleine angetreten hatte.

Ich habe die freundliche junge Ärztin, die seit Februar in Baden-Baden lebt, Ende April durch Zufall kennengelernt und war gleich gefangen von ihrer positiven Art. Offen berichtete sie mir schon bei der ersten Begegnung, was sie zur Flucht veranlasste, und wie man überlebt in einem Land, in einer Stadt, in der man nie sicher war vor Gewehrschüssen, Panzern und explodierenen Bomben. "Wenn es für kurze Zeit aufhörte, kamen wir aus unseren Verstecken und freuten uns, dass wir noch lebten", hatte sie damals berichtet. Und das ist ihre Geschichte




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