Montag, 12. Juni 2017

ikw 2017 Auftakt


Startschuss für Interkulturellen Wochen 2017

Motto: „Angekommen in Baden-Baden!“
 
Baden-Baden. Das erste Vorbereitungstreffen der diesjährigen Interkulturellen Wochen (IKW), zu dem die städtische Integrationsbeauftragte, Svetlana Bojcetic, eingeladen hat, ist auf reges Interesse gestoßen. Viele bereits sehr konkrete Veranstaltungsideen rund um interkulturelle Begegnung und Verständigung wurden eingebracht, so dass auch dieses Jahr ein vielversprechendes Programm zu erwarten ist. Der voraussichtliche Beginn der IKW ist bereits für Mitte September vorgesehen, die abschließenden Veranstaltungen werden in der ersten Oktoberwoche stattfinden. Mitwirkende sind unter anderem Vertreter der Kirchen, der Synagoge, des Netzwerk Asyl, des Museum Frieder Burda sowie des Bündnis „Baden-Baden ist bunt“, des Jobcenters, der Arbeitsagentur und des Vereins Zeitkunst. Das Team um Dimitriy Becker ist zuständig für den Internetauftritt der IKW. Für das Programmlayout ist Grafikerin Birgit Steuer verantwortlich. Beide lieferten hilfreiche Vorschläge zur Gestaltung und Öffentlichkeitsarbeit. Organisatorisch unterstützt wurde das Vorbereitungstreffen durch die Ehrenamtskoordinatorin Katharina Thomas.



Über das rege Interesse bei der Vorbereitung der diesjährigen Interkulturellen Wochen und viele interessante Veranstaltungen freut sich die städtische Integrationsbeauftragte Svetlana Bojcetic (Dritte von rechts) (Foto: Pressestelle)

Der Film „Angekommen in Baden-Baden - Aus Flüchtlingen werden Mitbürger“ ist ein Höhepunkt des neuen Programms. Er zeigt an konkreten, nicht repräsentativen Beispielen, wie erste Schritte einer Integration gelingen können. Gemeinsam mit Auszubildenden des SWR hat das Bündnis „Baden-Baden ist bunt“ diesen Film in Eigenregie produziert. Der Filmtitel ist übrigens zugleich das lokale Motto der diesjährigen IKW.

Einen ganz besonderen Beitrag bereitet der junge syrische Filmemacher Abdullah Rajab Almalla (Film „Schatten“) dieses Jahr vor. Er möchte mit der Fotoausstellung, die aktuell noch die Überschrift „Untergegangen“ trägt, auf die Situation all jener aufmerksam machen, die den weiten Weg ins sichere Europa nicht geschafft haben.

Das Museum Frieder Burda, vertreten durch Brigitte von Stebut, überlegt sich unter der Arbeitsüberschrift „Begegnung vor einem Kunstwerk“, mit Neuzugewanderten über die gezeigte Kunst ins Gespräch zu kommen. Die Stadtbibliothek bietet unter anderem wieder Lesereisen für Kinder in verschiedenen Sprachen an. Das Stadtteilzentrum Briegelacker der Caritas, bereitet einen interkulturellen Beitrag vor. Die Brücke 99 hat wieder spannende Angebote für Kinder und Jugendliche vorgesehen.

Wie jedes Jahr leisten die religiösen Gemeinschaften einen wichtigen Beitrag zur IKW. Die christlichen Kirchen laden Menschen aller Nationalitäten zu ihren Gottesdiensten ein. Am Sonntag, 24. September, lädt zum Beispiel die Evangelische Stadtkirche zum Interkulturellen Gottesdienst ein, die Predigt hält Pfarrer Martin Nngoubamdjum aus Kamerun. Die Synagoge öffnet ihre Pforten am Mittwoch, 27. September, und am Dienstag, 3. Oktober, ist der traditionelle Tag der offenen Tür in der Steinbacher Moschee. In vielen Gemeinden wird es zudem weitere Veranstaltungen geben. Bundesweit steht die IKW unter dem Motto „Vielfalt verbindet.“ und weist damit auf ein Integrationsverständnis hin, welches alle meint. Und zwar sowohl die „Alten Deutschen“ als auch die „Neuen Deutschen“, wie Professor Dr. Annette Treibel in ihrem Vortrag „Integriert euch!“ Ende September erläutern wird.
Das ist nur ein kleiner Teil der bereits feststehenden Programmpunkte, weitere sind noch in Planung“, zieht Svetlana Bojcetic ein aktuelles Fazit der ersten Vorbereitungen. Organisationen, Institutionen, Vereine und Initiativen lädt sie deshalb nachdrücklich ein, sich im Rahmen der Interkulturellen Wochen am Projekt „Vielfalt verbindet.“ zu beteiligen. Bis Freitag, 30. Juni, besteht noch die Möglichkeit, sich mit eigenen Veranstaltungsangeboten an die Integrationsbeauftragte zu wenden.
Kontakt:
Telefon 07221/93-14778.

Dienstag, 16. Mai 2017

Theatersaison 2017/18


"Wir"-Suche am Goetheplatz spannt
Bogen von Faust bis Lehman Brothers

Wir“ sind das Volk - „Wir sind für Europa“ - „Wir müssen das Abendland retten“ - unsere Gesellschaft ist heutzutage geprägt von Gruppenmeinungen, die aus unterschiedlichen Richtungen das „Wir“ für sich proklamieren. Darüber gilt es nachzudenken, entschloss sich Theaterintendantin Nicola May und kreierte zusammen mit ihrem Team das Motto der neuen Spielzeit am Goetheplatz: „Wer ist Wir?“ will das Ensemble mit vielen unterschiedlichen Aufführungen ergründen. Gestern wurde das neue Programm des Theaters vorgestellt, das einen Bogen spannt von der Oktoberrevolution in Russland 1905 bis zum Beginn der Wirtschaftskrise durch den Zusammenbruch der Lehman-Brothers.




Gleichzeitig erinnerte die Intendantin auch an einige Jahrestage, die speziell in Baden-Baden gefeiert werden können: Vor 25 Jahren (1989 bis 1992) zum Beispiel wurde das Gebäude komplett renoviert und saniert – was man mit sehr eindrucksvollem Vorher-Nachher-Fotografien im Jahresprogramm dokumentiert hat – und seit einhundert Jahren gibt es am Theater Baden-Baden bereits ein festes Schauspielensemble. Stadt und Land hätten allen Grund, sehr stolz sein, meinte May: Es sei „ein großer Schatz – sowohl was für das Haus geleistet worden ist, als auch, was das Haus aus sich heraus für die Bevölkerung leistet.“ 



 
Grund genug zur Freude also!

Und so stürzen sich die 17 fest angestellten Mimen nun in ihre ambitionierte, komische, musikalische, spannende und unterhaltsame Arbeit und bieten dem Publikum alles, was das Herz nur begehren kann.

Faust“-Liebhaber zum Beispiel werden nächstes Jahr voll auf ihre Kosten kommen: Nicht nur, das Faust I wieder aufgeführt wird, nein, Regisseur Harald Fuhrmann konnte auch gewonnen werden, den zweiten Teil auf die Bühne zu bringen. Für ganz hartgesottene Begeisterte wird es den Faust daher sogar im Doppelpack geben: Entweder an einem Sonntag (4. Februar 2018) hintereinander um 14 (Teil 1) und um 19 Uhr (Teil 2), oder an einem Wochenende Samstag, 21. April um 20 Uhr (Teil 1) und Sonntag, 22. April (Teil 2).

Das zweite Großprojekt der Saison ist die Geschichte der Lehman Brothers, die am 27. und 28. April 2018 Premiere feiert. In sehr einfacher Sprache werden hierbei die komplizierten Zusammenhänge erklärt, die schließlich zur großen Wirtschaftskrise 2008 geführt haben. Bei diesem Stück befinden sich die Zuschauerplätze übrigens auf der Bühne, deshalb ist die Platzanzahl begrenzt, so dass es auch zwei Premierentermine geben wird.

Neben diesen Großprojekten feiert zum Beginn der Saison am 9. September Maxim Gorkijs Vorrevolutions-Drama „Kinder der Sonne“ Premiere. Es folgen das fetzige Rockmusical „Fast normal“ (Premiere 21. Oktober), die wortwitzige Familienkomödie „Bella Figura“ von Yasmina Reza (10. November), sowie „Sonny Boys“, eine augenzwinkernde Hommage an den Beruf des Schauspielers (9. Februar 2018) und als Klassiker Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ (18. Mai 2018).

Im Frühjahr wird es wieder eine Koproduktion mit den Osterfestspielen geben: Mozarts Oper „La Finta Giardiniera“ wird das Publikum ab 25. März entzücken. Und im Sommer begibt sich das Theater wiederum ins Freie und wird ab 15. Juni 2018 den Marktplatz mit Shakespeares „Der Widerspenstigen Zähmung“ beleben. Regisseurin Jenke Nordalm werde dafür sorgen, dass dieses Stück nicht frauenfeindlich herüberkommt, verriet Chefdramaturgin Kekke Schmidt auf der Pressekonferenz.

Highlight für die Kinder wird natürlich wieder das allseits beliebte Weihnachtsmärchen sein, das sich diesmal dem stärksten Mädchen der Welt zuwendet: „Pipi Langstrumpf“ wird ab 26. November die kleinen Theatergänger (ab fünf Jahren) ins Theater locken.
Leona Lejeune stellte außerdem noch das Programm des „Jungen Theaters“ vor, das die Stücke „Auerhaus“, „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ und „Was sind wir und was hat Barbie damit zu tun“ im TIK aufführen wird. Das Programm werde aber im Herbst noch einmal gesondert vorgestellt, hieß es.

Die Dramaturgin und Leiterin des Jungen Theaters Baden-Baden, Leona Lejeune, Verwaltungsleiterin Marie Luise Leibing, Chefdramaturgin Kekke Schmidt und Intendantin Nicola May (von links nach rechts) freuen sich auf die neue Theatersaison.  (Foto: Julia Klaas)

Bleibt noch zu erwähnen, dass natürlich keine Theatersaison ohne ein Solo von Max Ruhbaum denkbar ist. „Wer ist Max?“ heißt dessen Auftritt ab 5. April 2018 folgerichtig.

Desweiteren spannt das Theater seinen Schirm an Wiederaufnahmen auf: Neben Faust I gibt es wieder beziehungsweise weiterhin die erfolgreichen Dauerbrenner „Tartuffe“ (auch an Silvester), „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“, „Anatevka“, im Spiegelfoyer sind „Das Fräulein von Scuderi“, „Switzerland“ und „Am Hang“ zu sehen, sowie im TIK, bzw. mobil: „Patricks Trick“ und „Ronny von Welt“. Dass "Fit dürs Abi in 5 Tagen" weiterläuft, steht ebenfalls außer Frage.

Was bleibt? Die Hoffnung auf eine ähnlich erfolgreiche Spielzeit wie 2015/16. Da strömten sage und schreibe 70 000 Zuschauer ins Theater Baden-Baden. Und noch ein Termin zum Vormerken: Am 23. September wird wieder das beliebte Theaterfest gefeiert.







Montag, 8. Mai 2017

Theater 2017


Mehr Besucher im Theater


Ein stattliches Plus bei den Besucherzahlen kann das Theater Baden-Baden für die vergangene Spielzeit 2015/2016 verzeichnen. Dies geht aus einem Bericht hervor, der dem Hauptausschuss des Gemeinderates in seiner öffentlichen Sitzung am kommenden Montag, 15. Mai, zur Kenntnis vorgelegt wird. Leider aber wird das Theater die „Woche ohne Worte“, WOW, die vor zwei Jahren im Stadtgebiet für Furore sorgte, nicht fortsetzen. Detailliert heißt es in dem Bericht unter anderem:


Besucherzahlen
Insgesamt verzeichnete die Spielzeit 2015/2016 ein Plus von 7,8 % im Vergleich zum Vorjahr. Fast 70.000 Besucher waren in den Vorstellungen und Sonderveranstaltungen oder nahmen theaterpädagogische Angebote wahr. Inkludiert sind hier auch die Vermietungen und auswärtigen Gastspiele.
Den steigenden Zahlen im freien Verkauf steht die kontinuierliche Rückläufigkeit der Abonnements entgegen. Als Konsequenz hieraus wurde das kleinste Abo am Dienstag ab der Spielzeit 2016/2017 eingestellt, um Zeit und Geld hier besser einsetzen zu können.

Junge Zuschauer
Beim Festival für Abiturienten konnte das Theater einen Zuwachs von 27,7 % im Vergleich zum Vorjahr unter anderem durch eine Erhöhung der Vorstellungen erzielen. Der zunehmenden Zahl an jungen Besuchern im Theater (+ 22,7 %, 3114 Zuschauer mehr) entspricht leider eine abnehmende im TIK (-10,1 %, 143 Zuschauer weniger).
Einerseits waren hier die Stücke weniger bekannt und damit weniger publikumswirksam, aber auch das Auslaufen des durch das Kulturagentenprogramm gestützte Modell „Theater:Klasse!“ zeigte Auswirkungen. Eine schöne Resonanz im kleinen Rahmen erhielt auch das „Theater im LKW“, das aus finanziellen Gründen leider vorerst nicht mehr weiter geführt wird.

Die laufende Spielzeit unter dem Motto „Was wir glauben“ hat bisher eine sehr zufriedenstellende Resonanz gefunden.
Der aktuelle Politthriller „Egmont – Strategien der Macht“ bescherte dem Theater überregionale Aufmerksamkeit, das hinreißende Musical „Anatevka“ liegt mit der höchsten Besucherzahl erwartungsgemäß an der Spitze, aber auch „Nathan der Weise“ und sogar der aktuelle Kammerspiel „Geächtet“ kommen sehr gut an.

Keine Woche ohne Worte mehr
Nach eingehender Prüfung und Recherche hat man sich entschlossen, das Festival WOW (hier ein Bericht über die Aktionen 2015 => KLICK) nicht mehr durchzuführen. Ursprünglich im jährlichen Wechsel mit einer Freilichtaufführung konzipiert, erscheint den Verantwortlichen nun die nachhaltige Konzentration auf eine Großveranstaltung im Sommer (Freilichttheater) erfolgversprechender, sodass man das Festival für und über 2019 hinaus ohnehin nicht mehr geplant hätte. 


In diesem Jahr gaben dann mehrere Gründe den Ausschlag, bereits 2017 das Festival nicht mehr durchzuführen: Die Verfügbarkeit und Bezahlbarkeit besonders attraktiver Produktionen, die sehr eingeschränkten Möglichkeiten für Vorstellungen im öffentlichen Raum durch die Leo-Baustelle und die damit verbundenen Umleitungen und der enorme organisatorische und marketingtechnische Aufwand in einer Situation personeller Veränderungen im Theater.

Ausblick Spielzeit 2017/2018
Weitere Überarbeitung der Preisstruktur zur Verbesserung der Übersichtlichkeit:
TIK immer 16 EUR (ehemals mit Differenzierung zwischen TIK 16 EUR und TIK Max wird reich 17,50 EUR)
Märchen neu 16 EUR (ehemals 14 EUR, damit war das Märchen günstiger als eine normale TIK Produktion)
Spiegelfoyer immer 20 EUR (ehemals Differenzierung nach ohne Musik 17,50 EUR und mit Musik 20,50 EUR) Für alle drei gelten die gleichen Ermäßigungen (50 % Schüler, Studenten, Schwerbehinderte etc.).
Beim Jokertag werden künftig keine Ermäßigungen mehr gewährt, das bedeutet 15 EUR auf allen Plätzen für jeden. „Aufgrund des Anteils der ermäßigten Karten (18,5 % beim Joker, Gesamtanteil an absoluten Besucherzahlen) hielten wir diese Entscheidung für vertretbar“, heißt es in dem Bericht.
Für Gastspiele und Sonderveranstaltungen werden weiterhin gesonderte Preise erhoben. 
 
Jährlich eine Freilichtproduktion auf dem Marktplatz
Mit Unterstützung von Oberbürgermeisterin Mergen möchte man im Rahmen des Kultursommers Baden-Baden ab der Spielzeit 2017/2018 eine jährliche Freilichtproduktion auf dem Marktplatz etablieren.
Den Abschluss der Spielzeit machte die Freilichtaufführung von „Der Talisman“ auf dem Marktplatz. Obwohl die Aufführung gelungen war und bei den Besuchern sehr gut ankam, entsprach die Auslastung von 50% nicht den Erwartungen. Hier möchte man beim nächsten Mal besser disponieren und auch neue Wege bei der Bewerbung einschlagen. Die malerische Umgebung des Marktplatzes hat sich als sehr schöne Kulisse präsentiert, die es lohnt, als Spielort etabliert zu werden.


Weihnachtsmärchen außer Konkurrenz
Das jährliche Weihnachtsmärchen, in diesem Jahr „Die kleine Hexe“, ist seit vielen Jahren ein Magnet für Kinder, Eltern und Großeltern und mit Besucherzahlen im fünfstelligen Bereich „außer Konkurrenz“. 

 

Der ausführliche Bericht wird dem Hauptausschuss in seiner öffentlichen Sitzung am Montag, 15. Mai, um 17.30 Uhr im Ratssaal des Rathauses zur Kenntnisnahme vorgelegt.

Hier geht es zur Webseite des Theaters Baden-Baden =>  KLICK



Leonie Ganyou Diefe



Ein Kämpferin, die sich nicht unterkriegen lässt


Sinnlich und mitreißend wird es Ende nächster Woche im Stadtteilzentrum Briegelacker zugehen, wenn im Rahmen der interkulturellen Woche der kamerunische Freundeskreis zum großen Afrikafest mit kulinarischen Köstlichkeiten, Musik und Tanz einlädt. Moment mal! Kamerunischer Freundeskreis? Wer oder was ist das?

Wir sind um die 30 Personen – wenn alle kommen“, sagt die treibende Kraft hinter dem Ganzen, Leonie Ganyou Diefe. Und sie sagt auch weitere Sätze wie „Wenn alles klappt“ oder „Wir werden uns überraschen lassen“. Sätze sind das, die einen deutschen Veranstalter vermutlich an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treiben würden. Sie aber lacht dabei, ansteckend und gutmütig, als sei das alles ein Riesenspaß, und als sei Improvisation ihr Lebensinhalt. Wer ist die Frau, die hinter all dem steckt?

Nun das erste, was an Leonie Ganyou Diefe auffällt, ist die Ausgeglichenheit, Zufriedenheit, die sie ausstrahlt. Sie ist eine offene, selbstbewusste, kraftvolle Frau, die in sich ruht und weiß, wer sie ist und die stolz darauf ist, was sie in ihrem Leben erreicht hat. „Ich bin eine Kämpferin“, sagt sie über sich selbst.




Schon früh hat sie gelernt, aus eigener Kraft zurechtzukommen im Leben. Ihre Kindheit in der Großfamilie mit sechs weiteren Geschwistern im Westen Kameruns war kein Zuckerschlecken. Der Vater starb früh, die Mutter wurde krank, und so schuftete Leonie mit ihren Brüdern und Schwestern auf dem Feld, um zu überleben, schaffte es aber gleichzeitig, die Schule zu besuchen und allen Widrigkeiten zum Trotz das Abitur zu machen.

Und dann? Wäre es nicht weitergegangen. „Wer keine Beziehungen hat, hat es schwer in Kamerun“, fasst sie die Situation kurz zusammen. Ohne Geld zum Beispiel sei nicht einmal eine Berufsausbildung möglich.
Diese Perspektivlosigkeit und die politische Situation im Land ließen sie ans Weggehen denken. Dann starb auch noch ihr Baby, mit gerade mal zwei Monaten, einfach so. „Das war schrecklich“, erinnert sie sich. Dieser Vorfall war für sie der Auslöser, endgültig die Koffer zu packen und nach Europa zu kommen. 26 war sie damals, im Jahr 2000, als sie schließlich in Karlsruhe ankam und Asyl beantragte. 
 
Ihr Ziel in Deutschland, im Märchenland der unbegrenzten Möglichkeiten, war klar: Sie wollte hier studieren. Medizin am liebsten, oder Sozialpädagogik. „Aber wie geht das? Wie kann ich das schaffen?“, fragte sie sich, als sie endlich hier war. Die Landung in der Wirklichkeit war hart und kam schnell. Ein Studium, so lernte sie, war ohne entsprechende Papiere unmöglich. Also zurück nach Kamerun, um Visum und Papiere zu beschaffen? Sie winkt ab und schüttelt den Kopf. „Das hätte damals 12 000 D-Mark gekostet, das ging nicht.“
Also blieb sie – und folgte dem Ruf ihres Herzen. Sie lernte einen Mann kennen, bekam einen Sohn. Eine glückliche Zeit. Doch leider – Glück ist launisch, und es hielt nicht lange. Viel berichtet sie nicht über die Gründe, warum die Beziehung scheiterte, nur so viel, dass sie sich und ihr Kind in eine Zuflucht in Baden-Baden rettete. Ein Jahr war sie damals erst in dem fremden Land, hatte noch mit Sprachproblemen zu kämpfen und musste für sich und das Kleinkind sorgen. Und wieder kam die Liebe ins Spiel, wieder kam ein Kind auf die Welt, diesmal eine Tochter, und wieder gab es kein Happy End... Manche geben an dieser Stelle im Leben auf.

Nicht so Leonie Ganyou Diefe! Sie wachte auf: „Da wusste ich, ich muss mein Leben selber in die Hand nehmen“, sagt sie und klopft energisch auf den Tisch. „Ich wusste: Entweder du kämpfst jetzt, oder du gehst unter. Du hast nur diese zwei Möglichkeiten.“

Sie zuckt mit den Schultern. „Ich habe ja immer schon gekämpft, also...“ Leonie beendet den Satz nicht, aber es ist klar, was er bedeutet: Harte Arbeit! Zielstrebig machte sie zuerst den Führerschein, lernte dann Deutsch und belegte unermüdlich Kurse und machte Praktika. Schwesternhelferin, Krankenschwester, Nachbarschaftshilfe – alles versuchte sie, sogar eine Ausbildung als Erzieherin begann sie, aber die amtlichen Hürden wuchsen ins Unüberwindbare. Sprache, Kurse, Ämterkrieg und noch dazu die ständige Suche nach Kinderbetreuungsplätzen – es war ein Kampf an (zu) vielen Fronten. Aber nein, Aufgeben kam ja nicht in Frage. Also biss sie sich durch, erfuhr tatkräftige Unterstützung von Sozialorganisationen, bekam ein Praktikum in einem Altenpflegeheim - und durfte schon eine Woche später mit einer dreijährigen Ausbildung zur Altenpflegerin beginnen. „Eine harte Zeit“, resümiert Leonie trocken, „aber da musste ich durch.“ 
 
Eine große Herausforderung, vor allem mit dem Schichtdienst, den sie mit der Betreuung ihrer Kinder vereinbaren musste, was in Baden-Baden extrem schwierig war. Zum Glück erwies sich der Großvater eines der Kinder als große Stütze und „irgendwann habe ich es geschafft!“ Endlich, endlich hielt sie die ersehnte Urkunde in Händen: Die Ausbildung war beendet, ein neues Leben begann.
2009 war das, und das Gefühl, das Ziel erreicht zu haben, war unbeschreiblich. Es war ja nicht einfach nur der Abschluss einer Ausbildung, sondern es hatte etwas mit Selbstwertgefühl zu tun.
Seitdem läuft es rund bei ihr, in ihrem Job als ambulante Altenpflegerin und Wundexpertin ist sie hochzufrieden, und auch mit dem Glück klappte es nun besser, Hochzeit, drittes Kind, gut organisierter Alltag.

Vor allem die Kinder bereiten ihr viel Freude. 15 und 13 sind die Großen jetzt, sie gehen aufs Gymnasium und bringen Traumnoten nach Hause. Der Sohn heimst einen Preis nach dem anderen ein, später will er in die Forschung gehen, und die Tochter liebäugelt mit dem Anwaltsberuf. „Was ich nicht geschafft habe, versuchen sie zu erreichen“, erklärt die stolze Mutter, die rastlos immer weitermacht, um ihrer neuen Heimat etwas zurückzugeben: Sie ist als ehrenamtliche Elternmentorin in der Stadt unterwegs, hilft einer Ärztin, die Flüchtlinge behandelt, beim Übersetzen, hat 2003 eine Kindertanzgruppe gegründet, und nun, seitdem eine ganze Reihe von Landsleuten in die Asylunterkünfte der Stadt eingezogen sind, kümmert sie sich um diese. Schon im vergangenen Jahr initiierte sie während der interkulturellen Woche ein afrikanisches Fest, mit Vorträgen, und Workshops zum Thema Kochen, Tanzen, Kunst. Auch in diesem Jahr steht das afrikanische Kulturfest ganz im Zeichen von Tanz und Musik und kulinarischen Köstlichkeiten, von denen wir uns, wie schon gesagt, werden überraschen lassen. Und fürs nächste Jahr könnte sich Leonie ein noch größeres Fest an einem größeren Platz vorstellen... Aber das ist noch Zukunftsmusik.




Eine letzte Frage: Hat sie noch Träume? Ihre Augen werden ganz groß und rund. Oh ja! „Die Situation zuhause verbessern!“ Da sie einen deutschen Pass besitzt, reist sie manchmal in die (alte) Heimat. Die Vorstellungen, die ihre Landsleute von Europa und Deutschland haben, seien leider unrealistisch, stellt sie dabei immer wieder fest. Wünschenswert wären daher große Beratungsstellen direkt vor Ort, um die Menschen über die Situation hierzulande aufzuklären, „damit sie wissen, wie das ist in Europa, und damit sie sich entscheiden können, ob sie vielleicht doch lieber zuhause bleiben wollen.“ Auch in Kamerun gäbe es schließlich viel zu tun. Weggehen sei nicht immer die beste Lösung. „Menschen können Politik auch ändern.“ 
 
Nicht jeder, der nach Deutschland gehe, erreiche das, was sie geschafft habe. Dazu brauche man viel eisernen Willen und müsse sich immer wieder fragen: „Wer bin ich, was will ich und was ist mein Ziel, das ich erreichen will.“




Was ihr Ziel für den 1. Oktober ist, liegt natürlich auf der Hand: Sie wünscht sich ganz viele Besucher, die nicht nur einfach Spaß haben werden, sondern bei denen sie vielleicht auch Verständnis für die Flüchtlinge wecken kann. Sie hat im vergangenen Jahr ja selbst erlebt, wie schnell die Stimmung auch in Baden-Baden, sogar in ihrem engsten Umfeld, kippte. Bis dahin habe sie nie Schwierigkeiten gehabt, „alles war super“, dann aber seien die Leute zunehmend gereizt gewesen. Sie tat, was sie konnte, auf die ihr eigene Weise: Sie diskutierte und erklärte geduldig und unermüdlich. Jetzt hat sich die Situation zum Glück wieder etwas beruhigt. Und das ist – dies sei an dieser Stelle erlaubt zu sagen – in gewisser Hinsicher sicher auch ihr Verdienst! Solche Beispiele geglückter Integration brauchen wir. Danke, Leonie!




Monika Becker


Von der Beharrlichkeit, gegen den Strom zu schwimmen...

Abstrakte Kunst? Monika Becker kräuselt die Stirn. „Das hat doch eher etwas mit Deko zu tun“, findet die Liebhaberin alter Meister und zwinkert belustigt. Nein, wirklich! Die Welt der breiten Spachtel und dicken Pinsel oder der weißen Leinwände mit einem Loch oder Schnitt in der Mitte ist nicht die ihrige. Sie ist eine Malerin der alten Schule, geht lieber ins Detail, müht sich mit Einfallwinkel und Farbe des Lichts und der Abstufung von weiß bis grau der Tonwerte ab - auch wenn sie weiß, dass sie mit ihrem Kunstgeschmack gegen den Strom schwimmt. Sie weiß, was sie will, sie weiß, was sie kann, und sie gibt dieses Wissen auch bereitwillig weiter – in Bild und Wort. Wer sie besucht, kann nicht nur ihre Bilder bestaunen, die überall im Haus hängen, man bekommt auch eine kostenlose kurzweilige Lehrstunde in Sachen Technik, Handwerk und Wirkung von Farbe Licht und Stimmungen.

Strukturiert ist Monika Becker, eine Frau, die genau weiß, was sie will, bei der jeder Pinselstrich sitzt, der Untergrund stimmt und die Farben akribisch abgestimmt werden.

Auch ihr Atelier in Sandweier sieht aus wie aus dem Ei gepellt. Die Buntstifte in Reih und Glied, der Arbeitstisch leer, die Bilder ordentlich aufgereiht, der Boden auch nach vielen Jahren künstlerischer Tätigkeit fast wie neu. Und das will etwas heißen, wenn jemand „in Öl“ malt.




Und sie hat Erfolg damit. Soeben ist sie bei einem Wettbewerb im weltweiten online-Museum „ARC Salon“ =>


für zeitgenössische realistische Malerei in die Endausscheidung gekommen. Eine beachtlich Auszeichnung, egal, wie die Kür im November ausfällt.

Wie kam sie zur Malerei? War sie ihr in die Wiege gelegt?

Monika Becker schmunzelt. „Eher nicht“, meint die 57jährige Ur-Baden-Badenerin. Vater und Mutter, beide berufstätig, waren viel zu sehr damit beschäftigt, sich eine Existenz aufzubauen, um Zeit für eventuelle musische Veranlagungen zu haben.

Und auch Monika Becker ahnte lange nichts von dem Talent, das in ihr schlummerte. Brav absolvierte sie die Schule, machte Abitur, wusste danach erst mal nicht, wie es weitergehen sollte, versuchte es zwei Semester lang mit einem Studium zur Realschullehrerin, kehrte dann in ihre Heimatstadt zurück und ließ sich zur Fremdsprachensekretärin ausbilden. Ein Jahr arbeitete sie beim damaligen Südwestfunk, bevor sie heiratete und sich auf ihre Familie konzentrierte.

Vor 16 Jahren, als die beiden Söhne selbständig wurden, kehrte sie ins Berufsleben zurück, halbtags nur, mit ausreichend Zeit für andere Dinge – wie zum Beispiel Keller aufräumen. Und dabei stieß sie – wie das manchmal so geht – auf Staffelei, Leinwand und Ölfarben ihres Ältesten, dessen künstlerische Begabung irgendwann einmal während der Schulzeit tatkräftig unterstützt werden sollte, bis seine Interessen sich wandelten und das Malzubehör im Untergeschoss des Einfamilienhauses landete – um dann zwei Jahre später von der Mutter wiederentdeckt zu werden.

Monika Becker fackelte nicht lange. Sie hatte gerade Zeit, also trug sie die Schätze nach oben und machte sie unbedarft ans Werk. Ein Landschaftsbild sollte entstehen – aber schon bald merkte die ambitionierte Künstlerin in spe, dass es so einfach nicht ging. Und da sie, wie gesagt, eine strukturierte Person ist, setzte sie sich an den Computer und begann, sich intensiv in die Materie einzuarbeiten. 


 

Und schon kam eines zum anderen. In einer schlaflosen Nacht stieß sie im Fernsehprogramm auf die Sendung über den kanadischen Maler Bob Ross, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, vor dem ungeduldigen Fernsehpublikum binnen einer halben Stunde ein Ölbild zu malen. Nacht für Nacht.

Monika Becker war fasziniert, fand seine Bilder im Internet, versuchte, sie nachzumalen und erkannte – nein, das war wirklich nichts für sie! Zu schnell, zu grob und irgendwann zu monoton.
Aber die Leidenschaft war geweckt, und nun gab es kein Halten mehr. Sie wurde Mitglied in einem Internetforum der Bob-Ross-Malerfreunde, recherchierte viel, malte viel, stellte ihren online-Freunden ihre Bilder vor, und einige von ihnen luden sie prompt in ein weiterführendes Forum, quasi für Fortgeschrittene ein.

Spätestens da wurde ihr klar, dass sie nicht einfach nur autodidaktische Freizeitmalerin sein wollte, sondern die Technik der Kunst von der Pike auf lernen wollte.




Warum kein Kunst-Studium? Monika Becker wischt die Frage schnell vom Tisch: Sie hat sich nun mal auf die traditionelle Malweise der alten Meister spezialisiert, und diese Technik ist heutzutage an den Universitäten nicht gefragt. „Es wird dort viel gelehrt, was mich nicht interessiert“, sagt Monika Becker lakonisch, und: „Damit will ich meine Zeit nicht vertun.“ Zum Glück ist sie nicht darauf angewiesen, mit ihrer Malerei Geld zu verdienen, wenn es doch auch Kunden gibt, die Werke bei ihr in Auftrag geben. Dies hier zum Beispiel:

Schritt für Schritt, Schicht für Schicht, arbeitet Monika Becker an dem Werk, immer wieder muss sie warten, bis die Farbe trocken ist, ein Aufwand, der sich pekuniär leider nicht lohnt. Auftraggeber schrecken oft vor ihren Preisen zurück, berichtet sie und legt kritisch den Kopf schief. „Dabei verlange ich nur ein Zehntel von dem, was mein tatsächlich Aufwand ist“, wundert sie sich.




Und so ist das Geschäftliche nur eine Randnotiz für sie, wichtiger ist ihr, sich grundlegend in die Materie einzuarbeiten, zu ergründen, was ein gutes Bild zum Kunstwerk werden lässt. Schon früh hat sie sich dazu in die Hände eines Schweizer Künstlers begeben, Patrick Devonas, dessen Workshops sie regelmäßig besucht. „Seitdem geht es bei mir ab!“, konstatiert sie. So gut, dass ihr Lehrer und inzwischen guter Freund meint, ihr bald nichts mehr beibringen zu können.

Aber ihr Wissensdurst ist unerschöpflich, und sie ist froh, das Internet zu haben, das ihr neben ihrem Lehrer längst zum wichtigsten Hilfs- und Studiermittel geworden ist.

Das heißt – nicht ganz! Zum 50. Geburtstag, sagt sie, habe sie sich einen Traum erfüllt: Einen zweiwöchigen Workshop an der „Angel Academy of Art“ in Florenz! =>


Schwerstarbeit bei 37 Grad Celsius sei das gewesen, erinnert sie sich – allerdings mit absolut glücklichem Gesichtsausdruck.

Seitdem gibt sie auch selber Workshops für Anfänger, probiert hie und da andere Techniken wie Aquarell oder Acryl und auch Softpastelle, kommt aber immer wieder zum Öl zurück, dessen langsame Trocknungszeit wunderbar fließende Übergänge ermöglicht, dessen Übermalbarkeit nach der Trocknung einfach viele Fehler vergibt. Sie kommt direkt ins Schwärmen, wenn sie von „transparenten und opaquen Farbkonsistenzen“ spricht, die ihr die Möglichkeit bietet, wunderbare Effekte zu erzielen. Für eine Perfektionistin wie sie ist das natürlich überaus verlockend und wichtig. 


 

Was sie malt? Das geht quer Beet: Stilleben, Landschaften, Portraits... Ein Geschäft wird daraus wohl nie, dazu kann und will sie sich, wie viele Künstler, einfach selbst zu schlecht vermarkten. Außerdem ist ihr Stil im Augenblick nicht gefragt, das sieht sie auch ganz nüchtern.

Umso mehr freut es sie, dass sie – auf Anraten ihres Lehrers – sich endlich entschlossen hat, zwei Werke beim ARC-Salon in den USA einzureichen. Dass sie in die Gruppe der Finalisten kommen würde, hätte sie nicht gedacht.

Gleichwohl besteht ihr Leben nicht nur aus Malerei, Motivsuche und dem Beherrschen von Licht und Schatten. Seit gut einem Jahr ist sie auch in der Flüchtlingshilfe Baden-Baden aktiv. „Ich wollte etwas Sinnvolles tun“, umschreibt sie, wie sie dazu gekommen ist. Über den Flüchtlingshilfe-Blog suchte sie sich etwas Passendes heraus und betreut seitdem regelmäßig das Café international und das Frauencafé. Außerdem wurde sie gleich beim ersten Abend von einem Flüchtling aus Kamerun mit ausgestrecktem Zeigefinger ausgewählt, ihm – und inzwischen zwei weiteren Freunden – regelmäßig beim Deutschlernen zu helfen. Und wie das in der Flüchtlingshilfe so ist – ein weiteres Projekt wartet bereits auf sie.

Und die letzte Frage:
Hat man bei einem derart erfüllten Leben noch Träume?

Unschlüssig hebt Monika Becker die Schultern. Hinter die zwei großen Träume in puncto ihrer Kunst kann sie inzwischen ein „erledigt“-Häkchen machen: Bewerbung beim ARC und die langwierige Realisierung eines ganz besonderen Landschaftsbildes.

Aber doch – einen Traum hat sie noch: Ihr schwebt ein ganz bestimmtes Bild vor, das sie malen will, eine ambitionierte Sache, mehr eigentlich eine Vision. Sie hat sie mir verraten, ich kann das Bild bereits vor Augen sehen, aber ich habe versprechen müssen, das Geheimnis nicht auszuplaudern. Insofern bleibt uns nur abzuwarten. Wir werden noch einiges von dieser Künstlerin zu hören und zu sehen bekommen.








Hanna Thienel


Talent mit großer Leidenschaft

Hand aufs Herz: Würden Sie persönlich alles, wirklich alles, auf eine Karte setzen? Sicherheit, Familienfrieden, Zukunftsperspektive eintauschen gegen die große Leidenschaft? Nun, manchmal geschieht das unter der Rubrik „Midlifecrisis“. Aber was würden Sie sagen, wenn Ihre Tochter oder Enkelin im Abiturjahr alles hinschmeißt, um sich selbst zu verwirklichen, weil sie genau weiß, womit sie glücklich werden wird, und weil sie dieses Ziel beharrlich verfolgen will, nein – muss? Ist so etwas nun ein Zeichen von großem Mut oder von bodenlosem Leichtsinn? - Wie viele Bedenken schießen Ihnen gerade durch den Kopf?

Hanna Thienel ist so ein Mädchen – oder besser: so eine junge Frau. Oder noch besser: So eine besessene Künstlerin. Ich bin über Facebook auf sie aufmerksam geworden, wo sie regelmäßig atemberaubende Fotos postet. Portraits vor allem, die aussehen wie ein Gemälde, unwirklich schön, verfremdet, arrangiert, auf eine andere Ebene entrückt.

Sie hat für die Geschäftseröffnung einer Freundin Markenzeichen-Fotos erschaffen, wie es sie kein zweites Mal gibt. Inzwischen werden diese Fotos als Postkarten verkauft, und selbst wenn jemand sie tatsächlich in den Briefkasten wirft – spätestens der Empfänger wird sie unweigerlich aufheben, oft sogar rahmen und aufhängen.

Wir verabreden uns für unser Gespräch, ohne uns zuvor gesehen zu haben. Ein „blind date“, sozusagen.

Draußen hängt ein grauer Herbstnachmittag in den Straßen. Die Rückversicherer wuseln in dunklen Anzügen durch die Stadt. Im Café König geht alles seinen gewohnten entschleunigten Gang. Ich habe einen Platz am Fenster, bin gespannt: Werden wir uns überhaupt erkennen?

Was für eine Frage! Ein Blick nach draußen, und ich weiß: Das ist sie! Da steht sie also, mit dem Rücken zum Café – aber genauso muss eine Künstlerin aussehen.




Lange, rot-goldene Locken, helle Augen, knallroter Mund, energisches Kinn – so sitzt sie kurze Zeit später am Tisch. Selbstbewusst, aber nicht aufgesetzt, schön wie ein Gemälde, aber irgendwie auch wie aus der Zeit gefallen. Wie die Fotografien, mit denen sie derzeit viele Menschen in ihrer Heimatstadt Baden-Baden verzaubert.

Gerade mal zwanzig Jahre ist sie alt, aber sie weiß ganz genau, was sie will und was sie glücklich macht. So glücklich, dass sie alles auf diese eine Karte setzt: Fotografieren. Punkt.

Schon als Kind mit drei Jahren, so erzählt sie freimütig, habe sie alles bemalt, was ihr zwischen die Finger kam. Leere Flächen? Gab es für sie nicht. In Nullkommanichts hatte sie sie ausgemalt. Kreativität im Überfluss! Auch die Musik wurde ausprobiert. Singen, Lieder schreiben, Instrumente lernen, dies aber nur zum Spaß, „nur für mich“.
Mit acht ein erster Meilenstein: Sie erbettelt sich vom Vater dessen alte Digitalkamera, nicht besonderes, jedes Handy macht heute bessere Aufnahmen. Aber der Grundstein ist gelegt, spielerisch gleitet sie immer tiefer in ihre Leidenschaft. „Ich habe damals wirklich alles fotografiert, von der Ameise bis zum großen Landschaftsbild“, erinnert sie sich lachend, und der Vater habe sie dabei stets unterstützt, denn er verstand, was in ihr vorging, fotografierte und filmte er doch selberfür sein Leben gern – während die Mutter eher eine handwerkliche Ader hatte und sich aufs Dekorieren verlegte.

Tochter Hanna vereinte irgendwann beides. Mit 14 Jahren, um genauer zu sein. Da stöberte sie im Internet einen Fotografen auf- sein Name spielt heute keine Rolle mehr. In einer Dezembernacht war das, das weiß sie noch ganz genau. Stundenlang klickte sie sich in dieser Nacht durch dessen Fotos – und fand ihre Bestimmung. Alles, was sie bis dahin gemacht hatte, lief fortan unter Vergangenheit, „nur für mich“, Spaßfaktor.

Hier, bei Durchsicht dieser professionellen Bilder, wurde ihr klar: „Fotografieren ist mehr als nur Hobby. So will ich ab sofort arbeiten.“

Und sie wusste auch genau, WIE. Eine willige Freundin war flugs als Fotomodell zur Hand, und los ging es, raus auf ein Feld. Zwölf Stunden am Stück, wie besessen, schoss sie nun Fotos von ihrer Freundin – mit immer wechselnden Outfits, in wechselnden Positionen... „Ich war wie geflashed“, erinnert sie sich. Danach sei sie einfach nur kaputt gewesen - und selig! „Bei jedem Bild, das ich mir danach zuhause ansah, habe ich mich gefreut, ich fand unfassbar, dass ich so etwas Tolles machen konnte.“
Im Nachhinein wiegt sie eher nachsichtig den Kopf. „Wenn ich mir die Sachen heute ansehen – naja...“

Aber damals vergingen die Weihnachtsferien wie im Fieberwahn. Sie fühlte sich frei, zum ersten Mal in ihrem Leben. Ein unglaubliches Gefühl.

Nach den Ferien – die harte Landung in der Realität, das Gegenteil vom Freisein: „Alles wurde mir vorgeschrieben, ich konnte einfach nichts frei machen in der Schule.“ Nur im Kunstunterricht lebte sie auf, der hätte für sie 40 Stunden pro Woche dauern können...
Als irgendwann das Thema Selbstdarstellung auf dem Lehrplan stand, und Rembrandts Portraits mit Fotografien von Cindy Sherman verglichen wurde, konnte sie endlich raus aus ihrem Korsett, konnte dem Lehrer zeigen, welch in fotografisches Talent in ihr schlummerte. Er war begeistert, ermunterte sie weiterzumachen.

Das Ergebnis fiel anders aus, als Lehrer oder Eltern sich das gedacht hatten: Hanna schmiss die Schule hin, ausgerechnet im letzten Schuljahr, Monate vor dem Abitur. Macht man das? Ist das klug? Nein! Sagt das soziale Umfeld. Doch! Sagt die junge Künstlerin. „Wie kannst du nur“, fragt die Umwelt. „Wie kann ich sonst ich selber sein?“ fragt sie zurück.

Sie seufzt.

Der Zeitpunkt war überreif, schon so lange hatte sie das Gefühl, sie brauche all ihre Zeit und Energie zum Fotografieren, zum Gestalten, zum Tüfteln. „Ich mache ja alles selbst, Make-up, Outfit, Frisuren...“

Der Erfolg gab und gibt ihr Recht. Erste Aufträge trudelten ein, irgendwann die Anfrage, eine Fotoserien für eine Geschäftseröffnung zu produzieren. Eine Riesenchance, und die Resonanz spricht für sich. Aber passen Leidenschaft und Geschäft zusammen? Diese Frage stellt sich die junge Künstlerin natürlich auch. „Wenn du es nicht probierst, wirst du es nie wissen“, sagte sie sich irgendwann. Und so fotografiert sie nun mit zwei Seelen in ihrer Brust – privat zur Verwirklichung und professionell für Auftragsarbeiten nach den Vorschlägen und Vorstellungen fremder Leute – mit einer Einschränkung: „Ich möchte immer dahinter stehen, was ist tue.“

Ende gut – alles gut? Nicht ganz. Denn die Zweifler, die wird man als junge Schulabbrecherin so schnell nicht los. Sie sitzen im Ohr und am Küchentisch. „Mach was Richtiges!“, raunen sie. Noch wehrt die Künstlerin sich vehement: „Ich will mir nicht einen Job suchen, damit sie zufrieden sind, wenn mich das nicht glücklich macht.“

Gleichwohl sieht sie auch, dass sie selbst für ihre Kunden nicht nur Talent und Können, sondern auch offiziell erworbenes Wissen vorweisen sollte. Also eine Ausbildung oder ein Studium der Fotografie? Lernen, mit einer Kamera umzugehen etwa? Oder wie man Fotos nachbearbeitet? Aber das weiß sie doch schon alles. „Bei all der Theorie – man muss Ideen haben, die man umsetzen will und kann – und das kann man nicht lernen.“

Allerdings beginnen Ausbildungen immer erst im Herbst. Der Zeitpunkt für einen Start von – irgendwas! - ist vorbei. Dabei wüsste sie inzwischen, was es denn wäre, das sie noch weiterbringen könnte: Eine Ausbildung zur Maskenbildnerin. Die Bewerbungen sind geschrieben, die Daumen ihrer Fans gedrückt, dennoch heißt es nun, bis zum Beginn des nächsten Ausbildungsjahres die Zeit zu nutzen und die Zweifler verstummen zu lassen.

Wo oder wie sieht sie sich in zehn Jahren?
Glücklich im eigenen Studio“, bricht es aus ihr heraus, und dann stockt sie kurz und lacht. „Wobei: Glücklich bin ich ja bereits!“ - Wer kann das schon von sich sagen!




Hanna Thienel – wir werden noch viel von ihr hören und sehen. Eine eigene Webseite gibt es noch nicht, aber ihre Facebook-Seite ist auch für nicht registrierte Besucher öffentlich einsehbar: KLICK










Sebastian Diziol


Vorsicht: Diese Begeisterung ist ansteckend!

Man sollte Sebastian Diziol ein Warnschild ans Revers heften. „Vorsicht: Ansteckend!“, sollte darauf stehen. Dieser Mann ist nämlich so mitreißend, kann sein Umfeld so von seiner Leidenschaft überzeugen, dass man ihm am Ende alles abkaufen würde – sogar ein dickes Buch mit dem unendlich spannenden Titel „Franz Simon Meyer – Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens“. 


 

Der 34jährige Historiker aus Baden-Baden macht zurzeit bundesweit Furore mit diesem Buch, das er gar nicht selbst verfasst, wohl aber entdeckt, bearbeitet und herausgegeben hat. Geschrieben hat es ein anderer, nämlich eben jener Franz Simon Meyer, und das bereits vor 200 Jahren. Jahr für Jahr hatte der Mann sich einst zur Silvesterzeit hingesetzt und das vergangene Jahr Revue passieren lassen – 1500 Seiten in gestochen klarer, für heutige Augen leider unlesbarer Schrift, kamen so im Laufe seines Lebens zusammen. Und was für Seiten! Diziol, der Entdecker, gerät schier aus dem Häuschen, wenn er davon berichtet.

Wir treffen uns Stunden vor der offiziellen Buchvorstellung in Baden-Baden im Café der Kunsthalle, und begeistert zieht er seinen Schatz aus der abgewetzten Leder-Aktentasche. „Haben Sie es überhaupt schon gesehen?“, fragt er und hält mir das Buch hin wie einen Rohdiamanten. Druckfrisch ist es, dick, schwer, gebunden, aufwändig aufgemacht, mit vielen Zeichnungen, Bildern, Briefen, Quellenhinweisen und Randnotizen, die das Lesen angenehm machen.

Ich will eigentlich gar nicht über das Buch schreiben, sondern über den Menschen, der es entdeckte, aber natürlich kann sich niemand diesem Feuerwerk der Leidenschaft entziehen, das Sebastian Diziol mit seiner authentischen, sympathischen Art abbrennt. Am Ende hat er es geschafft, wir haben fast nur über das Buch und Franz Simon Meyer geredet, und das war so mitreißend, dass nicht nur er mit glühenden Wangen dasitzt. Keine Frage: er lebt, liebt, und atmet dieses Buch.

Wie kam es zu dieser Liebe? Oder – anders gefragt – wie kommt ein junger Mann dazu, nach dem Abitur ein Studium der Geschichtswissenschaft zu wählen?

Das war nie eine Frage gewesen für Sebastian Diziol. Schon als Kind liebte er Geschichte und Geschichten. Seine Eltern – der Vater ist Künstler - nahmen ihn früh in Museen mit, die Familie reiste viel, besonders spannend waren da natürlich Ausflüge zu alten Burgen. Andächtig lauschte Diziol dann den Geschichten über die Ritter. Dann – da war er so fünf oder sechs – begann der Vater, ihm Asterix-Hefte vorzulesen. Römer! Gallier! Wer sind die? Wann lebten die? Warum schlugen die sich? Alles wollte der Junge wissen.
Mit 12, 13 Jahren stand für ihn fest: Wenn ich groß bin, mache ich etwas mit Geschichte.

Und so war es dann auch.

Das Grundstudium in Karlsruhe faszinierte ihn von Anfang an. Warum? Was ist so spannend daran?

Da muss der Historiker nicht lange nachdenken: „Die Erkenntnis, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur viele Perspektiven über ein Ereignis.“

Aber dann packte es ihn doch, Geschichte aus nur einer einzigen Perspektive zu inhalieren, nämlich aus der von Franz Simon Meyer. Den entdeckte er 2004, als er die Zeit bis zu seinem Masterstudium in England mit einem Praktikum im Stadtarchiv seiner Heimatstadt Baden-Baden überbrückte. Die Leiterin des Archivs, Dagmar Rumpf, zeigte ihm eines Tages die „Jahrbücher“ des Franz Simon Meyer, zwei großformatige, in rotem Leder gebundene Bände, unglaubliche 1500 Seiten dick und ziemlich zerfleddert. Mühsam versucht er, die in deutscher Schrift verfassten Seiten zu entziffern. Und war schon beim Vorwort „hin und weg“, wie er berichtet. Hier schrieb einer, der genauso alt war wie er, vor 200 Jahren, dass er vorhabe, ein Buch mit seinem Leben zu füllen. Und dass er hoffe, das Buch möge später „des Erfreulichen viel, des Traurigen nur wenig“ enthalten.

Schnell wurde dem Studenten klar, welch einen Schatz er gehoben hatte: Mit diesen Aufzeichnungen konnte man quasi das gesamte 19. Jahrhundert erklären. Meyer (geboren 1799, gestorben 1871) schrieb über das Leben seiner Familie, über seine Reisen, die politischen Ereignisse und seine Geschäfte als Kaufmann in Rastatt und später als Bankier in Baden-Baden, der zu einem der wichtigsten Kreditgeber für Edouard Bénazet und die Spielbank wurde.

Die Bekanntschaft zwischen Diziol und Meyer währte jedoch erst einmal nur kurz, denn Diziol musste weiterziehen. Aber der Stachel saß. „Wenn ich mal groß bin, mache ich etwas mit dem Werk“, das schwor er sich.

Aber es sollte noch zwölf Jahre dauern, bis er seinen Traum verwirklichen konnte, denn zunächst führte ihn sein Masterstudium nach England, dann fesselte ihn seine Doktorarbeit über den Deutschen Flottenverein, einen Propaganda-Verein, dessen Zweck es war, die Öffentlichkeit Anfang des 20. Jahrhunderts für den Aufbau einer Marine zu begeistern. 860 Seiten stark wurde das Werk, fünf Jahre schrieb er daran und suchte währenddessen 24 Archive auf.

Geduld und ein langer Atem sind offensichtlich sein Metier. Grundvoraussetzung für den Beruf eines Geschichtswissenschaftlers.
Als Diziol schließlich eine Anstellung als Lektor in dem kleinen geschichtswissenschaftlichen Solivagus-Verlag in Kiel bekam, flammte seine alte Liebe wieder auf. Er berichtete dem Verleger und seinen gleichgesinnten Kollegen von seinem einstigen Fund in Baden-Baden. Wer Sebastian Diziol jemals über dieses Thema hat sprechen hören, der ahnt, wie es geschah, dass sich die ohnehin leidenschaftlichen Historiker für das Projekt entflammen ließen.

Herausgekommen ist nun keine Zusammenfassung oder eine handliche Biographie oder ein eingängiger Historienroman, sondern das, was eben dabei herauskommt, wenn sich ein Geschichtswissenschaftler ans Werk macht: Der Originaltext wurde ins heute gängige Schriftbild übersetzt und mit Randbemerkungen für das bessere Verständnis garniert, reich bebildert nach historischem Vorbild, über 600 Seiten dick – und das ist nur der Anfang, Band zwei und drei werden in den nächsten Jahren ähnlich umfangreich folgen.

Nicht gerade ein Buch, das man in den Strandurlaub mitnimmt.
Überhaupt: Wer soll denn Zielgruppe sein? Wer soll diesen ersten von drei Bände lesen, der ja nur die Jugendjahre Meyers bis zum Jahr 1828 widerspiegelt?

Diziol wischt alle Bedenken mit einer begeisterten Handbewegung vom Tisch. „Das liest sich wie ein historischer Roman. Das ist spannend und wirklich!“
Und die Länge? 
Er lacht. „Und Harry Potter?“, fragt er zurück.

Natürlich sei das Buch nicht leicht zu lesen, es fordere den Leser, aber es belohne ihn, ähnlich wie es einem bei der Lektüre von Thomas Mann gehe. Außerdem spreche das Buch natürlich auch das Fachpublikum an, deshalb habe er viel Sorgfalt auf die Edition der Quellen gelegt.
Diziol kann gar nicht mehr aufhören, das Buch zu loben, so dass sich die Frage aufdrängt, wie dieses Werk sein eigenes Leben beeinflusst hat.

Nun, Feierabend gab es vermutlich die vergangenen Jahre nicht oft. Ein Jahr allein brauchte Diziol für die Abschrift des ersten Teils, dann wurde alles kommentiert und in Form gebracht. Das ging nur mit Unterstützung seiner Frau, die zwar fachfremd ist, aber volles Verständnis für die Leidenschaft ihres Mannes aufbrachte - und noch weitere vier Jahre wird aufbringen müssen, denn so lange wird es wohl noch dauern, bis der zweite und dann der dritte Band auf dem Markt sein werden. Und danach?

Was wünscht man sich, wenn man sich den einen großen Traum erfüllt hat? 
 
Zu allererst „die Leser, die das Buch verdient“.
Und dann natürlich ein bisschen mehr Zeit seine kleine Familie, der Sohn ist gerade mal vier Monate alt. Auch die Musik könnte wieder etwas mehr in den Vordergrund rücken. Gitarre, Klavier, Akkordeon sind seine Instrumente, die Richtung seiner Band in Kiel beschreibt er als maritimen Folk-Rock.

Kitzelt es jemanden, der Jahrbücher eines Fremden herausgegeben hat, selber zur Feder zu greifen und allabendlich oder einmal im Jahr Ereignisse aus dem eigenen Leben festzuhalten? Nein, das ist keine Option für einen Geschichtswissenschaftler. Er beschäftigt sich weitaus lieber mit dem Leben anderer als mit dem eigenen Bauchnabel.
Und so erscheint es nur folgerichtig, was er mir ganz Schluss und eher insgeheim verrät, als ich ihn nach seinen Zukunftsplänen befrage. Erst druckst er ein bisschen herum, als wüsste er nicht recht, ob und was er verraten soll und darf. Aber dann – der Leidenschaft sei Dank! - bricht es doch aus ihm heraus: „Doch ja“, gesteht er, es gäbe da durchaus eine Idee. „Das wird wieder ein Buch mit historischem Stoff, der mich fesselt...“ Und seine Augen funkeln dabei, als wollten sie am liebsten sofort das nächste Feuer entzünden. Wie gesagt: Vorsicht, ansteckend!