Sonntag, 5. April 2015

Schneiders Weinstube


Menschen in Baden-Baden, heute:

Helmut Schneider


Man kann gar nicht zählen, wie oft das Wort „Wohnzimmer“ fällt, wenn die Sprache auf Schneiders Weinstube im Herzen von Baden-Baden kommt. So oft jedenfalls, dass man dieses kleine gemütliche Lokal wohl mit Fug und Recht als „DAS“ Wohnzimmer der Stadt bezeichnen kann.


 
Seit fünf Jahren betreiben Barbara und Helmut Schneider dieses kulinarische Kleinod nun schon, Grund genug für einen Besuch außer der Reihe, aber sorgsam angemeldet, das muss sein, denn ohne Reservierung gibt es hier leider keinen Platz. Auch nicht für Stammgäste.

Auch heute, an einem ganz normalen Mittwoch, kommen die ersten Gäste bereits zehn vor fünf. Und dann geht es Schlag auf Schlag, und Helmut Schneider wird unruhig, denn es zieht ihn nun nach vorne, zur Tür, wo er immer steht, um seine Gäste persönlich zu begrüßen, als sei dies wirklich sein Wohnzimmer. Er nimmt ihnen den Mantel ab, geleitet sie zu ihrem reservierten Tisch. „Das gehört sich so“, findet er. Die Gäste werden nicht lange sich selber überlassen, schon schleppt er die große Tafel an, auf der die Spezialitäten der Saison stehen.




Zu jedem Gericht kommt eine Zusatzinformation, die gerne aufgenommen wird. Dass der Skrei ein seltener Winterkabeljau von den Lofoten ist, den es nur noch bis Ostern geben wird, lernen die Gäste ganz nebenbei. Dass er auf dem Roteinrisotto schmecken wird, können sie unbesorgt voraussetzen. Dafür sorgt Jürgen Gushurst in der Küche, die übrigens ganz und gar sein Reich ist, obwohl der Chef natürlich zweiter Vorsitzender des Baden-Badener Kochvereins ist, der Berufsvereinigung der Köche aus der Umgebung. 


 

Aber Helmut Schneider und seine Frau stehen nicht am Herd, sondern mitten im Geschehen. Sie haben die Augen überall, der Gast fühlt sich umsorgt und geborgen, jemand, der zum ersten Mal das Lokal betritt, wird genauso behandelt wie jemand, der seit Anbeginn Stammgast ist und nach Möglichkeit immer seinen Lieblingsplatz bekommt. Man merkt ihnen an, wie sehr sie ihr kleines, nur 45 Plätze umfassendes Lokal lieben.

Wie sie dazu gekommen sind, ist ein langer Weg. Denn der 1947 in Kirchheim/Teck geborene Helmut Schneider hatte zwar immer schon gern gegessen und eine Affinität zur Gastronomie – immerhin war seine Mutter hauptberufliche Köchin – aber erst einmal machte er ganz profan eine Elektrikerlehre und arbeitete sich „beim Damler“ bis zum stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden hoch. Immer mit Menschen zu tun gehabt zu haben, nutzt ihm seitdem bis heute. Erst mit 38 Jahren sattelte er um und absolvierte die Hotelfachschule und stellte sich auch an den Profiherd. Dann trat seine Barbara in sein Leben, und mit ihr bewirtschaftete er alsbald fünf Jahre lang bei Lahr ein Gasthaus am Waldesrand.


Eine Liebe zu Baden-Baden 


Das Jahr 1986 spülte das Ehepaar nach Baden-Baden. Ihnen war angeboten worden, das damalige VdK-Hotel Magnetberg zu übernehmen. Schneiders Augen leuchten, wenn er sich daran erinnert, wie er zum ersten Mal nach Baden-Baden kam. Es brauchte nicht viel: Die Lichtentaler Allee, Sonne, blauer Himmel, Eichhörnchen, die herumflitzten – und schon war es um das Ehepaar geschehen. Elf Jahre lang brachten sie den Magnetberg zum Blühen, anschließend übernahmen sie die Gastronomie des neuen Festspielhauses. Es folgte eine dreijährige Stippvisite im Golfclub Soufflenheim, bevor es sie wieder magisch zurück nach Baden-Baden zog und sie den „Weintrödler“ unterhalb vom Löwenbräu eröffneten. Hier feierte Schneider auch noch inmitten seines Handwerker-Stammtischs seinen 60. Geburtstag und dann kam – naturgemäß – die Rente. Neuland für den rührigen Gastronomen, dem nichts ferner liegt als Kaffee zu trinken und durch die Stadt zu laufen und zuzusehen, wie andere schaffen. Ruhelos versuchte er, das Beste aus seinem Schicksal zu machen.


Ruhestand - und nun?


Da Helmut Schneider schon immer gern verreist war, organisierte er erst einmal Gruppenreisen, erst mit dem Kochverein und auch mit Senioren. Dreimal ging es nach Peking, die älteste Teilnehmerin war 82. Da fühlte er sich in seinem Element, hatte er doch in jüngeren Jahren schon halb Asien bereist, war mehrmals in Shanghai und Hongkong gewesen, auch Amerika war nahezu abgehakt.

Und doch...

Das Organisieren von Gruppenreisen scheint nicht seine Bestimmung gewesen zu sein. Immer spukte ihm die Idee einer eigenen Weinstube im Kopf herum. Das fehlte in Baden-Baden, davon war er überzeugt. Er hielt Augen und Ohren offen, hörte sich um und fand schließlich die heutigen Räumlichkeiten im Internet. Und damit war es um ihn geschehen. Träumend saß er inmitten der notwendigen, allumfassenden Umbauarbeiten – alles musste rausgerissen werden - und hatte Visionen … von einem Klavier, einem runden Stammtisch, der geschickten Verkleidung einer hässlichen tragenden Säule, von gemütlichem, abgenutztem Mobiliar... 

Träume werden wahr 

Und der Zufall wollte es, dass er tatsächlich just in dieser Zeit an alte Wirtshausmöbel geriet... und so saß er weiter auf der Baustelle und träumte, und seine Träume nahmen in der Realität Gestalt an. „Ich kannte ja vom Stammtisch viele Handwerker“, sagt er, „und die haben mich alle unterstützt.“ Besonders die Arbeit es Malers ist herauszustreichen, der den Wänden eine ganz besondere, natürliche Terracottafarbe verpasst hat. 



 
Dann fügte das Schicksal weiteres hinzu: Ein Klavier fand zu ihm, einwandfrei aus dem Jahr 1910, die Zierde des Lokas und manchmal sogar – zur besonderen Freude der Gäste – auch benutzt. Der große Spiegel an der Wand stammt vom Flohmarkt, die Vorhangstoffe fanden sich im Elsass, die schöne Uhr ist das letzte Geschenk seines allzu früh gestorbenen Sohnes und dann erst die Zapfanlage! Auf die ist Schneider besonders stolz. Aus Meißner Porzellan sei die, verrät er mir und zapft auch gleich ein frisches Bier daraus.




Über ein halbes Jahr dauerten die Umbauarbeiten, auch die Küche musste komplett erneuert werden.

Dann war alles fertig, das Abenteuer Weinstube konnte beginnen. Helmut Schneider erinnert sich noch genau an das Datum: 19. Februar 2010. Der große Eröffnungstag.

Wie war's?“

Schneider lacht. „Voll.“

Und so ist es bis heute geblieben. Vor allem Einheimische kamen von Anbeginn an, dankbar über ein zweites Wohnzimmer, in dem man gemütlich sitzen und zu halbwegs moderaten Preisen gut speisen und guten Wein trinken kann. Liebe ist ja nicht nur die Hauptzutat bei der Einrichtung der Gaststätte, sondern auch bei der Konzeption.


Kleine Anfänge


Man habe ganz langsam angefangen, erinnert sich der Hausherr, mit kleinen Gerichten wie Flammkuchen zum Beispiel. Von Anfang an dabei war das Weingut Bimmerle. „Wir sind zusammen groß geworden“, freut sich Schneider. Auch beim Personal wird Kontinuität groß geschrieben. Frau Schumacher, der gute Geist, ist fast von Anbeginn an dabei, der renommierte Koch Gushurst auch bereits seit drei Jahren. Spätestens seitdem er das Regiment in der Küche übernommen hat, spielt der Wein nur noch die zweite Geige. Die wohltätige Enten-Aktion im Advent ist bereits legendär, Kalbsbäckle in Spätburgunder der Klassiker Nummer eins. Zum Abschluss gibt es noch Nachtisch aus Familienhand, denn das Eis stammt aus der Manufaktur der Tochter.

Viel Zeit für Privates bleibt bei so viel Erfolg nicht. Morgens stehen meist die üblichen Dienstgänge in die Stadt an, zwischen halb eins und halb zwei Uhr fahren ausgesuchte Lieferanten vor und liefern alles frisch, dann geht es an den heimischen Computer – Angebote schreiben, Buchhaltung, und ab 16 Uhr steht Helmut Schneider bereits in seiner Weinstube und sieht nach dem Rechten, und dann wird es keine Stunde mehr dauern, ehe er wieder an der Anrichte neben der Tür steht und die ersten Gäste mit freundlichem Handschlag empfängt.



Freizeit? Hobbys?

Er lacht und schüttelt den Kopf.

Was machen die Schneiders denn an ihren freien Sonntagen? Selber am Herd stehen?

Wieder daneben getippt!

Da gehen wir selber aus und schauen, wie es die anderen machen.“

Haben von Anfang an die Einheimischen die Weinstube gestürmt, entdecken inzwischen auch die Touristen das Lokal für sich. Seit einem dreiviertel Jahr steht Schneiders Weinstube beim Trip Advisor (=> KLICK) auf Platz eins.



Das hat nicht nur positive Auswirkungen, denn seitdem ist es nahezu sinnlos, ohne Reservierung spontan vorbeizuschauen. Das will Schneider versuchen zu bessern, denn er bemerkt mit großer Sorge, wie in Baden-Baden eine ganz neuzeitliche unhöfliche Unsitte die Runde macht: man reserviert für einen Abend gleich zwei, drei Lokale, entscheidet spontan, in welches man wirklich geht und sagt den anderen nicht ab. „Da muss ich mir etwas ausdenken“, seufzt er. Nichts ist ihm unangenehmer, als Gäste unnötig wegzuschicken.


Der Gast im Mittelpunkt


Denn die Gäste – die sind das Wichtigste für ihn. Aus aller Welt kommen sie inzwischen in seine Weinstube, erst kürzlich war ein Auswanderer aus Brasilien hier und hat ihm am Ende des Abends seine Visitenkarte in die Hand gedrückt mit der dringenden Bitte, ihn ganz bestimmt in Brasilien besuchen zu kommen.

Schneider freut das. „Brasilien steht für später auf meiner Liste“, sagt er und schmunzelt in sich hinein.

Für später? Er wird doch hoffentlich nicht...?

Keine Sorge! Nicht, solange er seine Weinstube mit so viel Herzblut betreibt. Gerade mal zwei Wochen Urlaub gönnt er sich im Jahr, immer nach dem großen Kurparkmeeting, auf dem er auch vertreten ist. Nach den zwei ruhigen Wochen - meist in Andalusien - zieht es ihn dann aber wieder mit Macht ins "Wohnzimmer der Stadt". Aber für sich persönlich hat er sich wohl doch schon insgeheim sein ganz privates Datum für einen endgültigen Ausstieg gesetzt, für den - Ruhestand ... Na ja – warten wir es ab. Irgendwie passen die zwei Wörter Schneider und Ruhestand nicht zusammen. Noch lange nicht!

Und jetzt wird es Zeit, den nächsten Gästen die große Tafel zu zeigen und zu erklären...




Schneiders Weinstube
Merkurstraße 3
76530 Baden-Baden
Tel. 07221 - 976 69 29

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