Sonntag, 28. Juni 2015

Christian Kühnel/Sibylle Loeben


Menschen in Baden-Baden, heute:


Christian Kühnel / Sibylle Loeben


Dienstag, 17.30 Uhr, Asylbewerberheim Westliche Industriestraße.
Die Tür des Versammlungsraums im Erdgeschoss steht offen. Laptops und Kopierer sind aufgestellt. Die fünf Mitstreiter vom Arbeitskreis Asyl trudeln ein, begrüßen sich herzlich wie ein Familie, warten auf den üblichen Ansturm, aber noch ist es ruhig. 


 

Nur zwei Asylbewerber fragen in der ersten knappen Stunde um Rat. „Das kann sich noch ändern“, erklären die „alten Hasen“, es könnte allerdings auch am Poststreik liegen: vielleicht gab es in der zurückliegenden Woche nicht gar so viele der gefürchteten gelben Briefumschläge. Die halten sonst alle hier auf Trab, weil sie negative Bescheide enthalten, und auf die kann nur binnen einer Woche Widerspruch eingelegt werden. Erst mal ist also Ruhe an dieser Front, auch wenn es, wie ich höre, später noch heftig zur Sachen gehen wird, und man sich bis spätabends in drei Beratergruppen aufteilen muss, um dem Ansturm Herr zu werden.

Dennoch gibt es immer, auch in dieser noch ruhigen Anfangsphase, zu tun.

Kopfzerbrechen macht ein Asylbewerber, der beim Schwarzfahren erwischt wurde. „Ich hatte aber ein Ticket“, beteuert er. Egal, die Einspruchsfristen sind längst abgelaufen, inzwischen summieren sich noch Mahngebühren, weil der arme Kerl kein Bankkonto hat und deshalb nicht weiß, wie er das Geld überweisen soll. Bei der Bank habe man ihn weggeschickt, weil Bareinzahlungen nicht möglich seien.
Gib mir das Geld, ich mach das für dich“, seufzt einer der Helfer, doch der Gambier erschrickt. „Jetzt? Sofort?“ Er krempelt seine Hosentasche um. 20 Euro hat er noch, und die müssen noch eine gute Woche fürs Essen reichen.
Aber nächste Woche wird er wiederkommen, versprochen. Und nicht mehr schwarz fahren. Das sowieso nicht, er hat ja längst ein klappriges Fahrrad, mit dem er in die Stadt kommt.

Dies sind nur die kleinen Dinge des Lebens, die die Leute vom Arbeitskreis Asyl und amnesty international allwöchentlich regeln. Meist geht es allerdings um größere Probleme: Abschiebungsandrohungen, Angst ums Leben, wenn es wieder zurück in die Heimat gehen soll, Panik vor einem Leben auf der Straße, wenn die Abschiebung nach Italien droht, wo man als erstes europäischen Boden betreten und seinen Fingerabdruck hinterlassen hat.

Sibylle Loeben und Cristian Kühnel können ein Lied davon singen. Seit drei Jahrzehnten beschäftigen sie sich nun schon eingehend mit der Flüchtlingsproblematik und gelten in ganz Baden-Baden einhellig und unangefochten als "die" Profis in Asylfragen. Letzten Monat haben sie den Vorsitz des Arbeitskreises in unverbrauchtere Hände gelegt, Ludwig Herfs hat sich angeboten, den verantwortungsvollen Posten mitsamt dem dazugehörenden Papierkram zu übernehmen. Sie sind ihm dankbar dafür, das spürt man, aber natürlich heißt das nun nicht, dass die beiden sich aufs Sofa zurückziehen. Sie bleiben weiterhin in der Beratung dabei, stehen dem eingetragenen gemeinnützigen Verein als Beiräte zur Verfügung.
Aber ein bisschen Durchschnaufen ist nun schon möglich.




Szenenwechsel. Ein winziges Dorf irgendwo im Elsass nahe der Grenze. Hier scheint die Welt zu Ende zu sein, zumindest aber noch heil. Unberührte Natur, am Ortsschild steht, dass man hier auf Pestizide verzichtet. Viele Straßen gibt es nicht. Das Anwesen, in dem die beiden wohnen, liegt an der Hauptstraße, die den Namen kaum verdient. Hinter dem Haupthaus, da, wo einst Ziegen und Schafe ihren Stall hatten, da haben die beiden sich vor Jahrzehnten gemütlich eingenistet – und teilen sich die angrenzenden 3600 Quadratmeter mit Schafen, Katzen, Hühnern, Hähnen, Gänsen - und einer Ente, die ein echter Überlebenskünstler in einer Naturidyll ist, in der eben auch der Fuchs den Enten gerne gute Nacht sagt.
Sibylle Loeben verdreht die Augen. Ihr ist das alles ein bisschen viel Idylle, aber später, wenn sie mit Gummistiefeln über die Weide stapft und Schafe und Gänse heranmarschieren, dann scheint ihre Welt doch in Ordnung zu sein.




Und irgendwie erscheint alles stimmig – ihr ehrenamtliches Engagement, ihre Umgebung, und nicht zuletzt ihr Beruf im deutsch-französischen Kindergarten der AWO in Baden-Baden. Ihr Traumberuf. Immer schon habe sie Erzieherin werden wollen, erzählt die 56jährige. Folgerichtig absolvierte sie nach dem Abitur ein soziales Jahr, das sie aus dem gewohnten Mannheim in ein ehemaliges Mädchenheim eines Baden-Badener Klosters verschlug. Hier in dieser Stadt blieb sie nach dem Studium der Sozialpädagogik schließlich hängen und gründete zusammen mit ihrer Freundin, die sie während des sozialen Jahres kennengelernt hatte, das „Haus Löwenzahn“ in Steinbach. 15 Jahre baute sie es zusammen mit der Freundin auf und steckte viel Zeit, Geld und Energie in die sozialpädagogische Einrichtung. (Hier geht es zur WEbseite von haus Löwenzahn => KLICK)




Überhaupt zeichnet ehrenamtliches Engagement Sibylle Loebens Leben aus, es reichte von Aktivitäten als Studentin in der Friedensbewegung, über Blockaden wie in Mutlangen bis hin zur Arbeit im Dritte-Welt-Laden. „Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung“ gehören für die streitbare Katholikin zusammen, aber nach knapp zwanzig Jahren unermüdlichen Engagements erfasst sie neuerdings manchmal eine gewisse Mutlosigkeit. „Ich habe das Gefühl, wir sind keinen Schritt vorwärts gekommen, man unterhält sich immer noch über dieselben Sachen, statt etwas zu tun, was man ja längst weiß.“




Ganz besonders gilt das für die Flüchtlingsarbeit, für die sie sich seit Anfang der 90er Jahre einsetzt. Seitdem ist sie im Vorstand des Arbeitskreises Asyl in Baden-Baden und arbeitet bei Amnesty international mit. Was treibt sie an?

Meine Mutter war Halbjüdin, so habe ich schon früh Einblicke in das Familienschicksal während des Nationalsozialismus bekommen“, sagt sie schlicht. Vertreibung, Flucht, der Wunsch, einfach nur zu überleben – all das begleitete sie ihr Leben lang, und so findet sie ihr Engagement für die Flüchtlinge nun einfach „passend“.

Ähnlich sieht das ihr Lebensgefährte Christian Kühnel, der schon als sechsjähriger Knirps mitbekam, was es heißt, die Heimat in der ehemaligen DDR zu verlassen und ein halbes Jahr in einer Turnhalle als Notaufnahmelager zu hausen, in der nur aufgehängte Decken notdürftig ein wenig Privatsphäre bescherten.

Gerade und zielstrebig allerdings verlief sein Leben nicht. Künstler habe er eigentlich werden wollen, sagt er. Schon mit 14 Jahren habe er in Öl gemalt (im Foto unten ein Bild von ihm) – aber wie das so mit Träumen ist: Manchmal platzen sie. Zufällig verschlug es ihn in eine Anstellung als Operator – bis die künstlerische Ader doch wieder durchbrach und er sein Diplom als Grafikdesigner machte.




Es folgte "ein längerer Griechenlandurlaub“ - so könnte man die Zeit nach dem Studium vielleicht am ehesten beschreiben. Eine glückliche Zeit, denn es gelang ihm der Spagat zwischen Kunst und Broterwerb, beruflichem Alltag und – nun ja – griechischem Leben auf der Insel Santorin, gefolgt von einer längeren Ausgrabungstour durch Ägypten. Wenn er erzählt und dabei in sich hineinschmunzelt und seine behaglich schnurrende Katze streichelt, kann man sich gut ausmalen, dass diese Lebensphase durchaus auszuhalten gewesen ist. „Aber irgendwann", sagt er und zieht vorsichtig die Schultern hoch, "irgendwann hat das Lotterleben doch mal aufgehört.“




Das war der Zeitpunkt, zu dem er nach Baden-Baden ging, fest entschlossen, nun ernsthaft zu arbeiten. Der Übergang fiel nicht allzu schwer: In jenem Jahr 1983 dauerte der Sommer an der Oos von Juni bis September, die Sonne hörte nie auf zu scheinen, keine Wolke war am Himmel. Und er malte ja, arbeitete für ein Veranstaltungsmagazin, illustrierte für einen Baden-Badener Verlag (hier geht es zu einem Artikel der ZEIT über den Signal-Verlag und seinen streitbaren Verleger Hans Frevert => KLICK) und später für weitere politisch und sozial sehr engagierte Jugendbücher, wie zum Beispiel AliBaba Frankfurt.

Während dieser Phase kam er über den damaligen Baden-Badener Verleger Hans Frevert mit der Arbeit von amnesty international in Kontakt, vor allem, als er einen jungen Schriftsteller aus Chile kennenlernte, der seine Fluchtgeschichte nach dem Allende-Sturz in einem Jugendbuch verarbeitete. Das war für Christian Kühnel der Auslöser, sich für die Asylarbeit zu interessieren. In seiner damligen Wohnung mitten in der Altstadt eröffnete er die erste Asylberatungsstelle Baden-Badens.




Über diese Arbeit kam sich das Paar Kühnel/Loeben folgerichtig näher. Christian Kühnel weiß noch genau, wann er seine Sibylle zum ersten Mal sah: „1986 war das, nach Tschernobyl, bei einer Veranstaltung im ehemaligen Wienerwald. Da saß sie dabei – und strickte.“ Er lacht verschmitzt, als er ihr überraschtes Gesicht sieht. „So, jetzt weißt du's endlich!“

Es blieb erst einmal bei diesem ersten Blick und so dauerte es noch neun Jahre, ehe die beiden wirklich zusammenfanden und 2008 heirateten. Das ergab sich später irgendwie zwangsläufig über die gemeinsamen Interessen.
Seitdem sind die beiden für viele Jahre das Aushängeschild des Arbeitskreises Asyl in Baden-Baden gewesen. Sie haben viel erlebt in der Zeit, in Wellenbewegungen kamen und gingen die Schutzsuchenden auch in Baden-Baden. An das Jahr 1993 erinnern sie sich besonders, als knapp eine halbe Million Flüchtlinge nach Deutschland kamen – zusätzlich zu zahlreichen Aussiedlern. In jenem Jahr zählte man an die 700 Asylbewerber in Baden-Baden, kein Vergleich zu heute, finden die beiden.

Neuerdings ist wieder viel zu tun. Sie sind selbst von der Entwicklung überrascht, denn noch vor einem Jahr habe niemand gedacht, wie schnell sich die Situation ändern würde. Und so sind sie dankbar, dass sich auch die Zahl der Helfer im Arbeitskreis in den letzten Monaten rasant vergrößert hat. Auch wenn nicht alle Asylbewerber zu ihnen in die Sprechstunde kommen, wäre Pensum sonst nicht zu schaffen.

Die ehrenamtliche Arbeit ist hart. Manch einer der Weggefährten von einst ist längst nicht mehr dabei, denn die Schilderungen der Schützlinge über Verfolgung und erlittene Folter sind nicht leicht auszuhalten. Besonders schwer wird es, wenn man den Menschen, die man über Wochen, Monate oder sogar Jahre intensiv begleitet hat, irgendwann doch mitteilen muss, dass es keine Hilfe geben wird, dass sie wieder zurück ins Elend ihrer Herkunftsländer müssen.

Sibylle Loeben stöhnt leise. Es ist ihr anzusehen, wie schwer ihr das fällt. „Da sitzt dann ein Mensch vor mir, der zerbricht, und ich kann ihn nicht auffangen, kann ihm nicht helfen...“ Sie stockt, bemüht das Wort „berufliche Distanz“, aber „es ist eben nicht Beruf“. Und je länger man die betroffene Person kenne, umso schlimmer sei es. „Ich war, bevor ich mit der Beratung begonnen habe, mit Sicherheit ein heitererer Mensch“, gibt sie unumwunden zu, und so fällt es ihr schwer, sich vor der Kamera ein Lächeln abzuringen.




Ganz schlimm sei es, wenn bei Menschen, die einem im Laufe der Beratungszeit ans Herz gewachsen sind und die abgeschoben wurden, wenig später der Kontakt abreißt – und das manchmal für immer. Da könne man sich ja vorstellen, was ihnen zugestoßen sein könnte. In solchen Fällen müsse man sich sehr zur Distanz zwingen, „sonst kann man das nicht lange durchhalten.“

Aber es gibt sie natürlich auch, die Freude, wenn es geklappt hat mit der Anerkennung. „Es können sich echte Lebensfreundschaften entwickeln“ – darüber sind sich die beiden einig. Und schon wird das Duo Loeben/Kühnel wieder lebendig, erzählt von einem „ziemlich heftigen Fall“, der bleiben durfte und schließlich sogar ein Kind nach ihnen benannt hat, oder von einem, dem sie einst geholfen haben, und der ihnen anschließend seinerseits eine Zeitlang bei der Beratung zur Seite stand.

Was treibt jemanden an, jede Woche neben der eigenen Berufstätigkeit zehn bis zwölf Stunden in der Flüchtlingsarbeit zu helfen?

Christian Kühnel: „Wir haben mit Sicherheit kein Helfersyndrom.“ Nein, es ist etwas ganz anderes: „Es muss einfach sein. Ich möchte, dass die Leute ihr Recht bekommen, ein Recht, dass wir, die wir eine Heimat haben und beschützt sind und einen Beruf ausüben, uns doch jeden Tag herausnehmen.“
Sibylle Loeben ergänzt: „Es ist - bei unserer geschichtlichen Vergangenheit - einfach unser Schuldigkeit. Wir haben Massenverbrechen verübt und Krieg über Europa gebracht, in dem viele Millionen Menschen ihr Leben ließen. Wie können wir uns als Staat da hinstellen und sagen: Wir nehmen keine Flüchtlinge mehr auf!?“

Was machen sie, um sich abzulenken?

Immer noch stricken?
Da lacht Sibylle Loeben. „Manchmal, in Versammlungen, um nicht auszuflippen.“

Malen?
Christian Kühnel schüttelt den Kopf. Das Kapitel Kunst steht für angestellten Druckereimitarbeiter nicht mal auf der Agenda für den herannahenden Ruhestand.

Neben Beruf und Ehrenamt bleibt ihnen ohnehin nicht viel freie Zeit, und die verbringen sie zum großen Teil mit ihrer Landwirtschaft.

Aber wenn sie wirklich einmal Kraft tanken müssen, dann zieht es sie in den Wald. Dort kennen sie eine Stelle, wo jeder für sich sitzen, abschalten, durchatmen und – ja, tatsächlich! – auch entspannen kann.





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