Sonntag, 15. Mai 2016

Alltagswahn - Lattenzaun



Eine weitere Fortsetzung der Alltags-Wahn-Geschichten
von Michael Beck

Dein Lattenzaun brennt


Ich komme mit den Hunden im Auto vom ausgiebigen Gassigang in den Brachwiesen zurück und fahre durch Steinbach, im Baden-Badener Rebland. Sonnenschein, gute Laune (keinen Fasan getroffen und auch keine vierbeinigen Staubwedel ohne Leine) allenthalben.
Weiter vorne, an der Sportschule, rangiert ein LKW. Ich rolle langsam darauf zu, Gegenverkehr cruist über meine Fahrbahn, aber ich bin ja entspannt, die Autoschlange vor mir ist auch sehr übersichtlich. Bis mein trübes Auge registriert, dass rechts vor mir die Luft flimmert. „So heiß ist es ja noch lange nicht!“ signalisiert das Tourette-Männchen in meinem rechten Ohr. Stimmt. Da brennt ein Stück Lattenzaun. Ca. zehn Meter entfernt verbrennt ein spätmittelalter Mann (also meine Liga) mit Vollglatze (gar nicht meine Liga, mein Haupthaar übt nur für´s Kloster) konsequent mit so einem Gartenflammenwerfer das Unkraut am Gehweg – und damit auch am Zaun. Er läßt sich Zeit und tötet jedes Giersch- und Löwenzahnblättchen konsequent und ausdauernd. Soll ja anständig aussehen für die vorbeirauschenden Fahrzeuge!
Als ich langsam vorbeirolle, hupe ich. Aufmerksamkeit auf die Brandstelle lenken. Er dreht ruckartig den Kopf zu mir und droht mit der Faust. Dann fackelt er weiter konsequent alles ab, was leben könnte. Dass es brennt, ignoriert er völlig.
Doofkopp…“ sagt mein Kleinhirn, „…soll er doch seinen Zaun abrauchen lassen.“
Die Helfersyndromfee in meinem Kopf (die kennt Ihr noch nicht, die ist an vielem schuld…) verbündet sich mit dem bestens bekannten Tourette-Männchen in meinem rechten Ohr. „Klär ihn auf!“ flüstern beide unisono. Bremse, Rückwärtsgang (war ja natürlich das letzte Auto in der Schlange) und ich rolle zurück zu ihm. Lasse das Beifahrerfenster herunter und rufe: „Hallo! Ihr Zaun brennt!“ Er richtet sich auf und dreht den Kopf zu mir. Zwei hochgezogene Augenbrauen signalisieren: „Da will schon wieder so ein Schei…tourist den Weg zur Yburg wissen!“ Er gröhlt „WAS?!?“ Oh, ganz übel – Tourette im rechten Ohr freut sich ein Loch in die Mütze. „Wie bitte, wenn schon!“ gröhle ich zurück. Das ist systemimmanent beim Tourette-Männchen und mir – eigentlich sind wir uns da ja einig. „Ja wie jetzt was?!?“ gröhlt es zurück. Wir registrieren eine leichte Lernkurve. Die Hunde knurren und treten auf der Stelle – da ist jemand mies drauf.
Ich steige aus und gehe um das Fahrzeug herum. „Ihr Zaun brennt!“ sage ich zum schwitzenden Mann, „lichterloh!“ (Ich neige, sehr selten, zu Übertreibungen. Aber fünf Latten inclusive Querträgern, könnte man – im Verhältnis zur Zaunhöhe – schon als „lichterloh“ bezeichnen. Wenn man noch zehn Minuten wartet, könnte man ca. drei Meter Spareribs auf dem Zaun grillen. Obwohl, der ist bestimmt mit Holzschutzmitteln gestrichen, lieber nicht.)
Steilvorlage. Er ist völlig resistent, schreit noch mal „WAS?!?“ und fuchtelt dabei mit seinem Gartenflammenwerfer vor meiner Nase herum. Ganz schön heiß. Die Hitze bringt mein „das heißt: Wie bitte!“-Männchen zum Schweigen und ich deute in Richtung des neu geschaffenen Grillvergnügens. Sein Kopf ruckt herum, gottlob nimmt er dabei auch den Flammenwerfer mit.
Mein Zaun brennt!“ höre ich ihn fassungslos. „Will ich Ihnen ja schon ne ganze Weile sagen…“ bemerke ich. Ist ja nicht mein Zaun. Fassungslos schaut er mich an, dabei ruckt sein Flammenwerfer wieder bedenklich in meine Richtung. Ich wechsle die Position. „Was soll ich jetzt denn machen?“ kreischt er. Feuer bringt den wirklichen Menschen zum Vorschein. „Löschen?“ antwortet das völlig rational agierende Tourette-Männchen in meinem Ohr.
Wie, wie, wie?“ klingt es fast schon panisch. „Äh, Regentonne, Wassereimer, Gartenschlauch, Feuerlöscher?“ antworte ich, völlig entspannt, weil der Flammenwerfer gerade eine Zaunlatte ganz in unserer Nähe zum Qualmen bringt. Zwei paralysierte Augen schauen mich an. Tourette-Männchen ist gnädig. „Erst mal machen Sie das Ding da aus bitte.“ Der Flammenwerfer erlischt – ich öffne die Heckklappe und nehme die große Antirutschmatte aus dem Heck. Die Hunde sind immer noch nicht amüsiert und ich mache schnell wieder zu. Rutschmatte über den brennenden Zaun und pffffft. Fertig. Die neue qualmende Latte hat sich selbst wieder beruhigt.
Anstatt sich zu bedanken ruft er: „Das ersetze ich Ihnen aber nicht!“ „Was?“ frage ich verdutzt zurück. „Den Teppich da. Das Ding!“ „Warum nicht?“ frage ich zurück – gibt ja allerdings auch keinen Grund, die Matte mieft, ist ein wenig angeschmurgelt – kann man einfach auslüften. „Wenn Sie nicht so lange mit mir rumgemacht hätten, hätte ich das sofort bemerkt!“ Ah so, alles klar. „Sie sind AfD-Wähler?“ fragt das Tourette-Männchen. Er nickt. Alles klar. Hasta la vista, Baby. Ich zeige ihm meinen nicht so schönen Finger, begleitet von einem nicht so schönen Wort und trolle mich.
Sollte seine Bude mal in Flammen stehen, komme ich mit einem Klappstuhl, setze mich davor und drehe ein Video. Oder so. Oder…Doofkopp.
Hoffentlich habe ich genug Holzlatten…“ höre ich ihn noch durch das offene Beifahrerfenster grübeln, bevor ich losfahre.
Zur Beruhigung: Er hatte. Sind schon alle montiert, habe ich gerade gesehen.
Landleben? Nein, die Sorte gibt es überall. Ähm, Helfersyndromfee, wir haben einen Termin. Sehr ernst. Dringend.






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