Montag, 8. Mai 2017

Sebastian Diziol


Vorsicht: Diese Begeisterung ist ansteckend!

Man sollte Sebastian Diziol ein Warnschild ans Revers heften. „Vorsicht: Ansteckend!“, sollte darauf stehen. Dieser Mann ist nämlich so mitreißend, kann sein Umfeld so von seiner Leidenschaft überzeugen, dass man ihm am Ende alles abkaufen würde – sogar ein dickes Buch mit dem unendlich spannenden Titel „Franz Simon Meyer – Die ganze Geschichte meines gleichgültigen Lebens“. 


 

Der 34jährige Historiker aus Baden-Baden macht zurzeit bundesweit Furore mit diesem Buch, das er gar nicht selbst verfasst, wohl aber entdeckt, bearbeitet und herausgegeben hat. Geschrieben hat es ein anderer, nämlich eben jener Franz Simon Meyer, und das bereits vor 200 Jahren. Jahr für Jahr hatte der Mann sich einst zur Silvesterzeit hingesetzt und das vergangene Jahr Revue passieren lassen – 1500 Seiten in gestochen klarer, für heutige Augen leider unlesbarer Schrift, kamen so im Laufe seines Lebens zusammen. Und was für Seiten! Diziol, der Entdecker, gerät schier aus dem Häuschen, wenn er davon berichtet.

Wir treffen uns Stunden vor der offiziellen Buchvorstellung in Baden-Baden im Café der Kunsthalle, und begeistert zieht er seinen Schatz aus der abgewetzten Leder-Aktentasche. „Haben Sie es überhaupt schon gesehen?“, fragt er und hält mir das Buch hin wie einen Rohdiamanten. Druckfrisch ist es, dick, schwer, gebunden, aufwändig aufgemacht, mit vielen Zeichnungen, Bildern, Briefen, Quellenhinweisen und Randnotizen, die das Lesen angenehm machen.

Ich will eigentlich gar nicht über das Buch schreiben, sondern über den Menschen, der es entdeckte, aber natürlich kann sich niemand diesem Feuerwerk der Leidenschaft entziehen, das Sebastian Diziol mit seiner authentischen, sympathischen Art abbrennt. Am Ende hat er es geschafft, wir haben fast nur über das Buch und Franz Simon Meyer geredet, und das war so mitreißend, dass nicht nur er mit glühenden Wangen dasitzt. Keine Frage: er lebt, liebt, und atmet dieses Buch.

Wie kam es zu dieser Liebe? Oder – anders gefragt – wie kommt ein junger Mann dazu, nach dem Abitur ein Studium der Geschichtswissenschaft zu wählen?

Das war nie eine Frage gewesen für Sebastian Diziol. Schon als Kind liebte er Geschichte und Geschichten. Seine Eltern – der Vater ist Künstler - nahmen ihn früh in Museen mit, die Familie reiste viel, besonders spannend waren da natürlich Ausflüge zu alten Burgen. Andächtig lauschte Diziol dann den Geschichten über die Ritter. Dann – da war er so fünf oder sechs – begann der Vater, ihm Asterix-Hefte vorzulesen. Römer! Gallier! Wer sind die? Wann lebten die? Warum schlugen die sich? Alles wollte der Junge wissen.
Mit 12, 13 Jahren stand für ihn fest: Wenn ich groß bin, mache ich etwas mit Geschichte.

Und so war es dann auch.

Das Grundstudium in Karlsruhe faszinierte ihn von Anfang an. Warum? Was ist so spannend daran?

Da muss der Historiker nicht lange nachdenken: „Die Erkenntnis, dass es keine absolute Wahrheit gibt, sondern nur viele Perspektiven über ein Ereignis.“

Aber dann packte es ihn doch, Geschichte aus nur einer einzigen Perspektive zu inhalieren, nämlich aus der von Franz Simon Meyer. Den entdeckte er 2004, als er die Zeit bis zu seinem Masterstudium in England mit einem Praktikum im Stadtarchiv seiner Heimatstadt Baden-Baden überbrückte. Die Leiterin des Archivs, Dagmar Rumpf, zeigte ihm eines Tages die „Jahrbücher“ des Franz Simon Meyer, zwei großformatige, in rotem Leder gebundene Bände, unglaubliche 1500 Seiten dick und ziemlich zerfleddert. Mühsam versucht er, die in deutscher Schrift verfassten Seiten zu entziffern. Und war schon beim Vorwort „hin und weg“, wie er berichtet. Hier schrieb einer, der genauso alt war wie er, vor 200 Jahren, dass er vorhabe, ein Buch mit seinem Leben zu füllen. Und dass er hoffe, das Buch möge später „des Erfreulichen viel, des Traurigen nur wenig“ enthalten.

Schnell wurde dem Studenten klar, welch einen Schatz er gehoben hatte: Mit diesen Aufzeichnungen konnte man quasi das gesamte 19. Jahrhundert erklären. Meyer (geboren 1799, gestorben 1871) schrieb über das Leben seiner Familie, über seine Reisen, die politischen Ereignisse und seine Geschäfte als Kaufmann in Rastatt und später als Bankier in Baden-Baden, der zu einem der wichtigsten Kreditgeber für Edouard Bénazet und die Spielbank wurde.

Die Bekanntschaft zwischen Diziol und Meyer währte jedoch erst einmal nur kurz, denn Diziol musste weiterziehen. Aber der Stachel saß. „Wenn ich mal groß bin, mache ich etwas mit dem Werk“, das schwor er sich.

Aber es sollte noch zwölf Jahre dauern, bis er seinen Traum verwirklichen konnte, denn zunächst führte ihn sein Masterstudium nach England, dann fesselte ihn seine Doktorarbeit über den Deutschen Flottenverein, einen Propaganda-Verein, dessen Zweck es war, die Öffentlichkeit Anfang des 20. Jahrhunderts für den Aufbau einer Marine zu begeistern. 860 Seiten stark wurde das Werk, fünf Jahre schrieb er daran und suchte währenddessen 24 Archive auf.

Geduld und ein langer Atem sind offensichtlich sein Metier. Grundvoraussetzung für den Beruf eines Geschichtswissenschaftlers.
Als Diziol schließlich eine Anstellung als Lektor in dem kleinen geschichtswissenschaftlichen Solivagus-Verlag in Kiel bekam, flammte seine alte Liebe wieder auf. Er berichtete dem Verleger und seinen gleichgesinnten Kollegen von seinem einstigen Fund in Baden-Baden. Wer Sebastian Diziol jemals über dieses Thema hat sprechen hören, der ahnt, wie es geschah, dass sich die ohnehin leidenschaftlichen Historiker für das Projekt entflammen ließen.

Herausgekommen ist nun keine Zusammenfassung oder eine handliche Biographie oder ein eingängiger Historienroman, sondern das, was eben dabei herauskommt, wenn sich ein Geschichtswissenschaftler ans Werk macht: Der Originaltext wurde ins heute gängige Schriftbild übersetzt und mit Randbemerkungen für das bessere Verständnis garniert, reich bebildert nach historischem Vorbild, über 600 Seiten dick – und das ist nur der Anfang, Band zwei und drei werden in den nächsten Jahren ähnlich umfangreich folgen.

Nicht gerade ein Buch, das man in den Strandurlaub mitnimmt.
Überhaupt: Wer soll denn Zielgruppe sein? Wer soll diesen ersten von drei Bände lesen, der ja nur die Jugendjahre Meyers bis zum Jahr 1828 widerspiegelt?

Diziol wischt alle Bedenken mit einer begeisterten Handbewegung vom Tisch. „Das liest sich wie ein historischer Roman. Das ist spannend und wirklich!“
Und die Länge? 
Er lacht. „Und Harry Potter?“, fragt er zurück.

Natürlich sei das Buch nicht leicht zu lesen, es fordere den Leser, aber es belohne ihn, ähnlich wie es einem bei der Lektüre von Thomas Mann gehe. Außerdem spreche das Buch natürlich auch das Fachpublikum an, deshalb habe er viel Sorgfalt auf die Edition der Quellen gelegt.
Diziol kann gar nicht mehr aufhören, das Buch zu loben, so dass sich die Frage aufdrängt, wie dieses Werk sein eigenes Leben beeinflusst hat.

Nun, Feierabend gab es vermutlich die vergangenen Jahre nicht oft. Ein Jahr allein brauchte Diziol für die Abschrift des ersten Teils, dann wurde alles kommentiert und in Form gebracht. Das ging nur mit Unterstützung seiner Frau, die zwar fachfremd ist, aber volles Verständnis für die Leidenschaft ihres Mannes aufbrachte - und noch weitere vier Jahre wird aufbringen müssen, denn so lange wird es wohl noch dauern, bis der zweite und dann der dritte Band auf dem Markt sein werden. Und danach?

Was wünscht man sich, wenn man sich den einen großen Traum erfüllt hat? 
 
Zu allererst „die Leser, die das Buch verdient“.
Und dann natürlich ein bisschen mehr Zeit seine kleine Familie, der Sohn ist gerade mal vier Monate alt. Auch die Musik könnte wieder etwas mehr in den Vordergrund rücken. Gitarre, Klavier, Akkordeon sind seine Instrumente, die Richtung seiner Band in Kiel beschreibt er als maritimen Folk-Rock.

Kitzelt es jemanden, der Jahrbücher eines Fremden herausgegeben hat, selber zur Feder zu greifen und allabendlich oder einmal im Jahr Ereignisse aus dem eigenen Leben festzuhalten? Nein, das ist keine Option für einen Geschichtswissenschaftler. Er beschäftigt sich weitaus lieber mit dem Leben anderer als mit dem eigenen Bauchnabel.
Und so erscheint es nur folgerichtig, was er mir ganz Schluss und eher insgeheim verrät, als ich ihn nach seinen Zukunftsplänen befrage. Erst druckst er ein bisschen herum, als wüsste er nicht recht, ob und was er verraten soll und darf. Aber dann – der Leidenschaft sei Dank! - bricht es doch aus ihm heraus: „Doch ja“, gesteht er, es gäbe da durchaus eine Idee. „Das wird wieder ein Buch mit historischem Stoff, der mich fesselt...“ Und seine Augen funkeln dabei, als wollten sie am liebsten sofort das nächste Feuer entzünden. Wie gesagt: Vorsicht, ansteckend!